Herr F.

Herr F. schwebt. Ich höre ihn nicht, nicht einmal Atemgeräusche von ihm. Kein Knurren aus seinen Eingeweiden. Nichts. Wenn ich ein Stethoskop an dich halten könnte, würde ich deine Herztöne hören? Er ist da, unhörbar, für mich. Er schwimmt nah an einen Stein. Dreimal. Schaust du? Berührst du? Riechst du? Ein Kontakt kann Geräusche verursachen, bei Herrn F. und dem Stein macht es das nicht. Es ist leiser, als wenn ich mit meinen Fingerspitzen sanft auf den Tisch trommle. Wenn ich ihn nicht höre, bedeutet es, dass er keine Geräusche macht?

Herr F. wendet sich ab, um dann aber nochmals ganz nah an den Stein zu gleiten. Was will er? Was erwartet er? Er verfügt über zwei sehr lange Schnurrhaare, die er offenbar wie Glieder bewegen kann. Sie sind je mindestens halb so lang wie seine ganze Körperlänge. Im Internet lerne ich, dass sie Bauchflossenstrahlen genannt werden, mit denen Herr F. fühlen, schmecken und sich räumlich orientieren kann. Mit den Bauchflossenstrahlen berührst du den Boden, an den Stein schwebst du direkt mit deinem Kopf. Wenn ich dein Verhalten richtig deute, setzt du deine Bauchflossenstrahlen auch dafür ein, um Frau F. deutlich zu machen, dass du jetzt gerade keinen Kontakt zu ihr willst. Frau F. empfindet es offenbar als recht aggressiv, sie schwimmt sofort energisch davon. Ich sehe das und höre nichts davon.

Frau F. schwebt wieder in mein Blickfeld und verharrt längere Zeit am gleichen Ort, dann nähert ihr euch einander. Ihr berührt euch mit den Bauchflossenstrahlen und bleibt dann einen Moment Seite an Seite. Ihr scheint euch zu unterhalten. Vereinbart ihr etwas? Ich höre nichts. Frau F. schwimmt los. Herr F. dreht sich und gleitet hinter Frau F. her.

Deine Körperfarbe ist gelb. Im Drittel deiner Körperlänge mit der Schwanzflosse geht das leuchtende Gelb in ein leuchtendes Orange über, das am Beginn der Schwanzflosse und in der zweiten Hälfte der unteren Flosse am intensivsten ist. Die vordere Hälfte der unteren Flosse ist schwarz, das auf der vorderen unteren Körperseite in ein silbergrau übergeht. Deine Augen sind schwarz. Sie sind gelb umrundet, dann folgt nochmals ein dunkler Ring. Am untersten Augenrand berührt der dunkle Ring das silbergrau, sonst das helle gelb deiner Oberseite. Du hast Sommersprossen im Kopfbereich. Hörst du manchmal auch ein Knacken deines Skeletts? Hast du auch hin und wieder das Bedürfnis, dich zu strecken und dabei aus deinem Mund Geräusche entweichen zu lassen?

Ich erlaube mir, dich mit Artgenossen zu vergleichen, die nicht so farbenfroh sind wie du. Ich kann auch sie nicht hören. Ihr beide seid für mich unhörbar, doch du wirkst lauter auf mich. Deine Haut leuchtet, du hast meine Aufmerksamkeit. Mit all meinen Sinnen versuche ich, dich zu erfassen. Deine Kollege, grau in grau, der sich kaum von der Farbe des Materials, das am Boden des Aquariums liegt, abhebt, wirkt leise, unscheinbar. Er scheint nicht. Du scheinst.

Was kannst du hören? Meine Stimme, wenn ich spreche? Musik von einem Lautsprecher? Die Laute, die andere Arten von sich geben? Wie geräuschvoll ist deine Welt? So laut wie meine?

Honiggurami

Quellen:

https://www.zierfischeengros.ch/unsere-fische/labyrinthfische/honiggurami-gold/ Zugriff 06.02.2022


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