Hausaufgabe meiner Weiterbildung: „Schreiben Sie einen kurzen Text, in dem sich eine Figur in einer stockdunklen Höhle verirrt hat und nach dem Ausgang sucht. Die Figur kann absolut nichts sehen und Ihre Aufgabe besteht nun darin, die Höhle und den Weg hinaus unter Verwendung der anderen Sinne darzustellen…“
Julia schliesst die Augen. „Ich bin verloren“, sagt die innere Stimme kühl. Julia weiss, dass sie recht hat. Vor zwei Stunden hätte sie draussen sein müssen. Sie hatte die Route wieder sorgfältig geplant, trotzdem hat sie sich verirrt und soeben war ihre Taschenlampe erloschen. Ohne Licht und orientierungslos, ja, sie ist verloren.
Julia öffnet die Augen und hofft inständig, dass sich irgendwo ein Lichteinfall zeigt. Sie schaut angestrengt nach vorne und dann in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Nichts. Nirgends auch nur eine Andeutung von Schimmer. Julia wischt sich die tränenden Augen trocken und schnäuzt sich die Nase. Wieder schliesst sie die Augen. Sie sucht in ihrem Innern den Raum, der ihr Sicherheit gibt, Zuversicht, Geborgenheit. Ihre Atemzüge werden ruhiger. Sie lauscht, hört ihre regelmässigen Atemzüge und das Tropfen von Wasser. Die Tropfen fallen auf ihren durch die Kapuze gut geschützten Kopf, auf ihre Schultern, den wasserfesten Rucksack. Sie kann nach den Geräuschen unterscheiden, worauf die Tropfen prallen. Sie weiss, dass es auf dem felsigen, zerklüfteten Weg überall kleine Pfützen hat, sie hatte sie gesehen. Jetzt hört sie, wie die Tropfen in den Wasserlachen aufschlagen. Sie konzentriert sich darauf, dass ihre Muskeln locker bleiben, auch wenn sie versucht, trotz den unzähligen Tropfgeräuschen etwas herauszuhören, das ihr helfen könnte, die Orientierung wieder zu finden. Sie weiss nicht, wie lange sie – bewegungslos – zugehört hat. Doch ihr Atem und die unzähligen Tropfen sind die einzigen, die die unheimliche Stille unterbrechen.
Die Panik nimmt einen neuen Anlauf, in ihr hochzusteigen. Julia atmet. Ein und aus. Ein und aus. Sie spürt einen feinen Luftzug. Mit ihrem Gesicht kann sie unterscheiden, ob sie gegen oder mit dem Wind steht. Soll sie mit dem Wind gehen oder gegen ihn? Einatmen und ausatmen, die Frage lautlos in den Raum stellen: „Soll ich mit oder gegen den Luftzug gehen?“ Gegen den Luftzug, weil ich mit dem Gesicht besser spüren kann, wenn er sich ändert. Die Antwort kommt von irgendwoher.
Julia merkt erst jetzt, dass ihr Mund staubtrocken ist. Ihre Zunge klebt am Gaumen. Sie trinkt einen Schluck Wasser, isst einen Schokoriegel und schliesst ihre Verpflegungspause mit einem weiteren Schluck Wasser ab. Den Abfall packt sie ein und schliesst den Rucksack besonders sorgfältig. Wenn sie etwas verlieren würde, könnte sie es in dieser endlosen Dunkelheit nicht mehr finden.
Julia wendet sich gegen den feinen Luftzug und setzt einen Fuss vor den anderen. Sie versucht, mit ihren Händen links und rechts die Felswand zu berühren, doch die Höhle ist zu breit, sie muss sich entscheiden, links oder rechts. Sie ist Rechtshänderin, sie entscheidet sich für rechts. Die Regel lautet: Vier sichere Haltepunkte mit Händen und Füssen, dann darf sich eine Hand oder ein Fuss fortbewegen und einen neuen sicheren Halt suchen. Sie muss das reduzieren auf drei, sonst kann sie sich nicht vom Fleck rühren. Julia fühlt sich sicher auf ihren Füssen und sucht mit der rechten Hand, ob sie sich mit, beziehungsweise trotz, dem Handschuh irgendwo in Reichweite festhalten kann. Sie kann sich abstützen, mehr nicht. Das muss reichen. Sie überprüft ihre Atemzüge, weil sie weiss, dass sie in Stresssituationen nur flach atmet oder sogar den Atem anhält. Sie atmet bewusst in ihre Taille hinunter ein und lässt den Atem entweichen. Sie kontrolliert, ob sie den Luftzug im Gesicht spürt und hebt den rechten Fuss um ihn vor dem linken einen neuen sicheren Platz suchen zu lassen. Rechter Fuss – rechte Hand – Atem überprüfen – Luftzug im Gesicht spüren – linker Fuss – rechte Hand – Atem – Luftzug im Gesicht – rechter Fuss – rechte Hand. Julia hält sich strikt an diesen Ablauf und kommt nur sehr langsam vorwärts. Die Stimme, die immer wieder flüstert: „Du bist verloren.“ oder „Das schaffst du nie.“, die Angst, die sich immer wieder meldet, sie atmet sie weg.
Dieser Geruch. Julia bleibt stehen und konzentriert sich auf den Duft, den sie wahrnimmt. Sie versucht sich zu erinnern, wie es gerochen hatte, als sie plötzlich im Dunkeln stand. Es war kalt und nass und – geruchlos. Aber jetzt. Es hat sich verändert. Es riecht modrig. Ihre Nase mag das eigentlich nicht, aber Julia schöpft ein ganz kleines Bisschen Hoffnung. Modrig bedeutet doch, dass es Pflanzen haben muss und Erde. Sie verbietet sich, weiter darüber nachzudenken, sondern will den Luftzug noch bewusster wahrnehmen.
Julias Körper verlangt eine Pause. Sie hat jedes Zeitgefühl verloren und nie auf die Uhr geschaut. Es spielt keine Rolle mehr, wie lange sie schon unterwegs ist und wie lange sie noch brauchen wird, bis sie draussen ist. Es zählt nur noch Schritt – Hand- Atem – Luftzug – Schritt – Hand. Doch sie ist erschöpft. Mit ihren müden Füssen in den wasserdichten, festen Schuhen tastet sie den Boden ab. Es darf keine Wassergeräusche machen, wenn sie auf den Boden tappt. Ihre Kleider sind auch wasserdicht, aber sie will die Qualität nicht herausfordern, indem sie sich in eine Pfütze setzt. Sie entscheidet, sich mit dem Rücken an die rechte Seite der Höhle zu setzen und den Rucksack links von sich zu platzieren. Sie muss sicherstellen, dass sie nach der Pause in der eingeschlagenen Richtung weitergeht. Sie wühlt im Rucksack und zieht die Thermosflasche und einem weiteren Schokoriegel vorsichtig heraus. Sie schafft das kaum noch, die Müdigkeit ist nun bleiern. Julia zwingt sich, langsam zu trinken und zu kauen und alles wieder sorgfältig im Rucksack zu verstauen, bevor sie sich der Müdigkeit hingibt. Sie schläft augenblicklich ein.
Julia erwacht mit schmerzenden Gliedern, öffnet die Augen und sieht – nichts. Ihre Augen füllen sich wieder mit Tränen. Wenn sie doch im Schlaf hätte sterben dürfen. Dann wäre sie jetzt tot, hätte alles überstanden. Hoffnungslos gönnt sie sich einen weiteren Schluck aus der Thermoskanne und steht dann mühsam auf. Niedergeschlagen kramt sie in ihrer Erinnerung nach der selbstauferlegten Routine und ergänzt sie mit dem modrigen Geruch. Schritt – Hand – Atem – Luftzug – modrig – Schritt – Hand. Sie hält inne um den Geräuschen zu lauschen. Sie haben sich nicht verändert. Tropf, tropf, tropf. Sie schaut zurück und nach vorn, nach oben und nach unten. Überall ist es stockdunkel und es herrscht eigentlich Totenstille.
Ob sie gesucht wird? Sie atmet den Gedanken sofort weg. Er nützt nichts. Das einzige, was ihr jetzt – vielleicht – helfen kann, ist weitergehen, weiteratmen, weiterspüren, weiterriechen und weiterschauen, auch wenn sie nichts sieht. Durchhalten.
Der modrige Duft wird intensiver, der Luftzug stärker. Julia überlegt, ob sie sich den Höhlenausgang vorstellen soll, Tageslicht, eine Wiese, eine nahe, regelmässig befahrene Strasse. Sie atmet auch diese Gedanken weg. Sie weiss, wie kraftvoll positive Bilder wirken können, aber sie braucht jetzt all ihre Energie um ihrer Routine treu bleiben zu können. Eine Unachtsamkeit könnte fatal sein.
Schritt – Hand – Atem – Luftzug – modrig – Schritt – halt. Die Luft wird frischer. Der modrige Geruch ist da, aber nicht mehr so penetrant. Hoffnung keimt in Julia und sie atmet sie sogleich tapfer weg. Schritt – Hand – Atem – Luftzug – frisch – Schritt.
Der Boden unter ihren brennenden Fusssohlen verändert sich. Julia braucht ein paar Schritte, bis sie sich einzugestehen traut, dass er weniger steinig ist. Es ist immer noch stockdunkel, also lebensgefährlich, aber es hat nun immer grössere Abstände zwischen den Steinen, die unvermittelt aus dem Boden ragen. Julia atmet ein und aus und geht weiter. Sie zwingt sich, ihre Routine und ihr Schneckentempo beizubehalten.
Unerwartet realisiert sie, dass es weiter vorn nicht mehr stockdunkel ist. Ihr Herz beginnt rascher zu schlagen. Julia weiss um die Gefahren, die zwischen ihrem Standort und dem helleren Dunkel lauern. Julia fokussiert ihren Blick auf ihre Füsse. Solange sie ihre Schuhe nicht sehen kann, muss sie ihren Ablauf einhalten. Schritt – Hand – Atem – Luftzug – Schritt.
Julia sieht ihre Schuhe. Nicht die Farben, aber die Umrisse. Langsam hebt sie ihren Blick. Sie erkennt den Weg und sie erahnt einen Sternenhimmel. Übervorsichtig setzt sie einen Fuss vor den anderen bis sie vor dem Höhleneingang steht. Die Tränen, die sich jetzt ungehemmt aus ihren Augen lösen dürfen, verursachen einen Sturzbach, Julia sinkt auf die feuchte Wiese und kann noch ein Danke ins Universum schicken, dann schläft sie überglücklich und komplett erschöpft ein.
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Intensiv und eindrücklich geschrieben, Bravo
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