Baumspinat und ich lernten uns am 5. August 2022 kennen. Vorher war ich ihm in meinem ganzen Leben noch nie begegnet. R. brachte uns zusammen. Sie fragte mich, ob ich ihn wolle und erklärte mir, warum sie ihn nicht wolle und mir schenke, sofern ich ihn wolle. Ich war also gewarnt. Meine Neugier war stärker und ich nahm ihn dankend an.
Zuhause stellte ich seine Füsse in einen mit Wasser gefüllten Massbecher. Sein längster Ast ragte fast einen Meter in die Höhe, vom Boden bis unter das Küchenfenster. So verbrachte er seine Nacht; ich meine im Bett.
Am nächsten Vormittag zupfte ich die Baumspinat-Blätter von den Blätterstielen; eines ums andere. Geduldig, wie ich bin, versank ich sicher für drei Minuten in Zupfmeditation. Dann besah ich mir die Sache nochmals, packte beherzt einen Ast am Ende, fuhr mit der leicht geschlossenen Hand über ihn Richtung Hauptast und hatte das ganze Geäst innert kürzester Zeit entblättert.
Zwiebeln und Knoblauch enthäuten, fein hacken, in Olivenoel dünsten, Baumspinatblätter – die meisten mit Stielen – hinzufügen, Glasdeckel darauf, warten bis die Blätter zusammengefallen sind. Deckel abheben. Der Duft, der meiner Nase entgegenkommt, lässt diese sofort einen Alarm auslösen: Luft anhalten! Salz und Pfeffer hinzufügen, probieren. – Na ja. Vielleicht braucht es noch Muskatnuss. Gedacht, getan. Probieren. – Na ja. Kichererbsen hinzufügen. Das Ganze ein paar Mal wenden. Schöpfen. Hinsetzen. Geniessen. – Na ja. Zweite Gabel in den Mund schieben. Die Skepsis verstärkt sich. Eine dritte Gabel folgt. Die Zweifel melden sich eindringlicher. Will ich das wirklich essen? Den ganzen Teller? Ich nehme eine weitere Gabel, ohne Kichererbsen. Diese lagen schon ein paar Tage im Kühlschrank, vielleicht liegt es an ihnen. Theoretisch möglich, aber im vorliegenden Fall beurteilte ich sie als unschuldig.
Ich legte die Gabel auf den Tisch und sinnierte weiter. Am Tag zuvor hatte mir jemand gesagt, das Leben sei zu kurz um Dinge zu tun, die keine Freude machen. Wofür wäre es gut, wenn ich Essbares zu mir nehme, das mir überhaupt nicht schmeckt? Ich brach meine Analyse ab, trug den immer noch gut gefüllten Teller in die Küche und kippte das Essen in den Kehricht.
Ich erinnerte mich an das Glas Tomatensauce all’Arrabbiata, das ich auch geschenkt erhalten hatte; von jemand anders. Wasserkocher füllen und einschalten, Tagliatelle in die Pfanne geben, salzen, das kochende Wasser darüber giessen, die Sauce erwärmen und warten darauf, dass ich den zweiten Anlauf für ein Mittagessen nehmen konnte.
Nachdem ich den Küchenwecker gerichtet hatte, ging ich ins Wohnzimmer. Hier hing der Baumspinatduft schwer in der Luft. Ich mochte den Geruch dieses Grünzeugs definitiv nicht und öffnete die Balkontüre weit. Der Durchzug trug den Duft zurück wo er hingehört, ins Freie.
Die Sauce war wirklich arrabbiato, richtig scharf, schärfer, als ich koche. Doch sie schmeckte mir und ich wurde satt, ohne mich nach Joghurt zu sehnen, um die Mundschleimhäute zu kühlen.
Magen und Darm kamen mit der besonderen Herausforderung dieses Mittagessens ausgezeichnet zurecht, wie ich mittlerweile feststellen durfte.
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