Wie meistens wurde sie eher von den Füssen gerollt als ausgezogen. Die Anleitung besagte eigentlich: Rechten Fuss auf linkes Knie legen, Finger der linken Hand unter der Socke der Achillessehne entlang gleiten lassen und die Socke über die Ferse ziehen, Hand aus der Socke nehmen und Socke an der Spitze mit möglichst allen Fingern ziehen, bis der Fuss bar ist. Socke glätten, in dem eine Hand die Sockenöffnung hält und die andere die Spitze und dann die Socke sanft in die Länge gezogen wird. Soweit das Standardverfahren, von dem es, je nach Beweglichkeit und Gesundheitszustand des Sockenträgers und der unzähligen Sockenarten, nicht bezifferbare Varianten gibt.
Bei unserer Socke, also jener, die es in diese Geschichte geschafft hat, handelt es sich um eine Sneakersocke. Also um eine Socke, die kaum einen Schaft hat. Je nachdem, wie viele Einsätze sie schon geleistet hat, wie professionell mit ihr verfahren wurde und ob es sind um eine Qualitätssocke oder eben um keine Qualitätssocke handelt, bleibt sie im Schuh liegen, wenn der Fuss daraus gezogen wird oder sie rutscht nur ein bisschen von der Ferse oder sie bleibt sogar so am Fuss, wie es in der Werbung gezeigt wird. Und es kommt natürlich darauf an, wie die Fussbekleidung beschaffen ist, in der der besockte Fuss steckte – und für wie viele Stunden.
Unser Sockenträger hat ein sensationelles Sockenentledigungsverfahren entwickelt, das sich durch minimale Bewegungsleistungen auszeichnet. Er drückt die Ferse auf den Boden – wahlweise sitzend oder stehend – und schiebt sie mit Druck nach hinten. Dadurch rollt sich die leicht feuchte, nicht mehr ganz neue Socke zusammen und trennt sich, wenn auch die Zehen überwunden sind, vom Fuss. Je nach Laune des Trägers, bleibt sie dann so liegen oder wird mit den Zehen gegriffen und Richtung Wäschekorb geworfen.
Unsere Socke landet heute zielsicher auf oder eher – im – zusammengeknüllten T-Shirt, das sich bereits im Wäschekorb befindet.
Die feuchtwarme cervelatgeformte Textilie kuschelt sich so fest wie sie kann in das bereits merklich abgekühlte T-Shirt, das je nach Körperregion, das es bedeckte, unterschiedlich duftet und ebenso über verschiedene Trocknungsgrade verfügt. So liegen sie glücklich beieinander; ein paar Stunden, die zu einigen Tagen werden.
Hastig werden dann die Wäschestücke nach hell und dunkel und nach Waschtemperaturbeständigkeit sortiert. Bereits liegt unser Paar in der Waschmaschine und lässt sich vom aufsteigenden Seifenwasser sanft umspülen. Die Socke erwacht aus ihrem Schlummer, kämpft sich an das Bullauge und ruft dem Wäschewaschämtliinhaber etwas nach. Sie wird nicht gehört und überlässt sich ergeben dem Waschprozess.
Es dürfte die Leserin und den Leser nicht überraschen, dass es sich um eine rote Socke handelt, die, trotz ihres Alters, immer noch bei jedem Waschgang blutet und der es überhaupt nichts ausmacht, dass sie – wieder einmal – den Waschgang mit den hellen T-Shirts geniessen darf.
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