Perspektive

Eine Hausaufgabe der Weiterbildung „Kreatives Schreiben“, die ich zurzeit absolviere, lautete: „Schreiben Sie eine Geschichte, in der Sie den magischen Realismus aufleuchten lassen. Kreieren Sie eine völlig realistische Welt, und lassen Sie dann etwas geschehen, das den Naturgesetzen widerspricht.“

Er watet durch das Haus. Sehr langsam. Wie kann er sicher sein, dass der Boden unter seinen Füssen nicht nachgibt? Wie weit hinunter wird er beim nächsten Schritt eintauchen? Ab welcher Tiefe ist der Boden fest? Er geht in alle Räume, vorsichtig watend. Überall das gleiche, ob Parkett im Wohnzimmer, Steinplatten im Korridor, Textilbelag in den Schlafzimmern oder Vinylboden in der Küche und im Bad: Seine Füsse tauchen ab.

Während er die Treppe in den Keller hinab geht, hält er sich auf beiden Seiten an den Handläufen fest. Jede Treppenstufe gibt nach. Schweiss läuft ihm in die Augen, sie fangen sofort an zu tränen, aber er wagt es nicht, den Schweiss mit einer Hand wegzuwischen. Er hätte doch zu wenig Halt. Auf dem untersten Tritt bleibt er stehen. Noch einen Schritt, dann befindet er sich auf der Betonplatte, die als Fundament für das ganze Haus dient. Sie muss halten.

Er merkt erst jetzt, dass sein Herz rast und seine Zunge am Gaumen klebt. Er zieht den rechten Fuss aus dem Tritt und lässt ihn langsam auf den Betonboden sinken. Er erwartet Halt, doch sein Fuss verschwindet im Boden. Ein Schluchzen entweicht ihm. Er kann nicht mehr. Er lässt seinen Körper auf die Treppe sinken und setzt sich auf die zweitunterste Stufe. Er weint und schluchzt. Seine Hände haben die Handläufe losgelassen, als er sich setzte. Sie zittern. Das sieht er, durch den Tränenfilm hindurch. Alles zittert, sein ganzer Körper. Er möchte aufhören zu weinen, erfolglos. Es weint.

Wie lange das gedauert hat, weiss er nicht. Irgendwann, viel später, sitzt er ruhig da, erschöpft. Er versucht, das Taschentuch aus seiner Hosentasche zu ziehen und es gelingt. Er kann sein Gesicht trocknen, die Nase schnäuzen. Dann sieht er wieder in Richtung seiner Füsse. Der rechte auf dem Kellerboden, eingesunken. Der linke auf dem untersten Treppentritt, eingesunken.

Er versucht, wach zu werden. Er träumt. Er weiss, dass er nicht schläft, also kann er doch richtig wach werden und sich in seinem Bett im Schlafzimmer finden. Er bewegt seinen Kopf, schüttelt ihn um dem Albtraum zu entfliehen. Mit seinen Fäusten klopft er seinen Körper ab. Auch das geht. – Er erstarrt. Er hat nicht geschlafen, nicht geträumt. Er ist wach und seine eingesunkenen Füsse sind Tatsache. Was er sieht, ist. Was er spürt, ist. Das glucksende Geräusch, wenn er seine Füsse bewegt, ist Wirklichkeit. Er zittert. Jetzt vor Kälte. Der Schweiss hat jedes Kleidungsstück, das er trägt, komplett durchnässt. 

Er versucht, aufzustehen. Eigentlich fehlt ihm die Kraft, aber er kann sich einen Ruck geben und sich zusätzlich mit den Händen an den Handläufen hochziehen. Er dreht sich und zieht gleichzeitig seinen Fuss aus dem Betonboden und watet langsam die Treppe hoch. Er schaut seine Hände an, die die Handläufe fest umklammern. Dann blickt er wieder auf seine Füsse, unter denen der Boden bei jedem Schritt nachgibt. Meine Füsse verschwinden im Boden, warum können meine Hände etwas fassen?

Oben angekommen, lässt er seine Knie auf den Boden sinken. Der Plattenboden hält für die Knie, so, wie er bis heute Morgen auch für seine Füsse immer gehalten hatte. Kraft hat er keine mehr, aber er muss es wissen. Er lässt seinen Oberkörper nach vorne sinken, stützt seine Hände auf und geht vorsichtig in den Kopfstand. Es hält. Er drückt seinen muskulösen Körper in den Handstand. Es hält. Er lässt seine Beine sacht an die Wand fallen. Sie halten. Dann beugt er die Knie, so dass seine Fusssohlen flach an der Wand liegen. Sie halten. Er lässt den Boden los, streckt sich und geht verwundert der Wand entlang. Dann wagt er den Schritt an die Decke. Auch hier hat er den vertrauten Halt. Den Halt, der ihm bis vor wenigen Stunden am Boden vertraut war. Er geht der Korridordecke entlang ins Schlafzimmer. Die Schwelle ist ungewohnt hoch, aber er fühlt sich wieder vollkommen sicher.

Er nimmt trockene Kleider aus dem Schrank. Das dauert länger als sonst, weil alles verkehrt angeordnet ist. Mit den Sachen unter dem Arm stakst er frierend ins Bad, zieht sich aus und stellt sich über die Dusche. Zum Glück hat er neben der Regendusche, die jetzt seine Füsse massiert, noch eine Handbrause mit langem Schlauch. Er geniesst das warme Wasser. Seine klammen Finger lösen sich. Er duscht lange, so lange, bis auch die letzte Zelle seines Körpers wieder warm hat. Nach dem Abtrocknen zieht er sich an. 

Und jetzt? Es ist Samstag. Einkaufen gehen hätte er wollen. Das streicht er. Zuerst muss er sich besser an seine neuen Perspektiven gewöhnen. Er wandert mehrmals durchs ganze Haus, allen Decken und Wänden entlang. Dann versucht er es mit Hüpfen, auch das funktioniert sicher und er springt über die Schwelle in die Küche, wo er sich das verspätete Mittagessen zubereitet. Grossgewachsen wie er ist, erreicht er die Pfanne in der untersten Schublade mühelos, auch den Salat, den er in der Gemüseschublade des Kühlschranks aufbewahrt. Er rührt vorsichtig in der Pfanne, damit nichts überschwappt, es sind neue Bewegungen gefragt. Auch der Nacken muss sich noch an die neue Haltung beim Kochen gewöhnen. Er schaut nach oben in die Töpfe hinein. Als er sich zum Essen hinsetzen möchte, hat er ein Problem und öffnet einen neuen Notizzettel auf seinem Handy: „To-do-list“. „Möbel an den Decken befestigen.“ Aber jetzt plagt ihn der Hunger und er setzt sich zur Not auf die Schwelle zwischen Wohnzimmer und Korridor. Aber so kann er den Teller nicht erreichen, der wie immer auf dem Tisch steht. Er isst im Stehen und legt sich anschliessend an die Decke. Wenn die Möbel dann an der Decke hängen, wird es bequemer. Kaum hat er das überlegt, schläft er satt und erschöpft auf der harten Unterlage ein.

Als er zwei Stunden später erwacht, ist er kurz verwirrt, findet sich aber sofort wieder zurecht. Er hat an der Decke geschlafen. Auch im Schlaf ist er nicht hinuntergefallen. 

Thomas fragt via Chat, wer mit zum Kegeln komme heute Abend. Er antwortet nicht. Er würde seine Situation ja gerne mit jemandem besprechen, aber er fühlt sich noch nicht bereit dazu. Er dreht den Fernseher auf den Kopf und freut sich auf einen entspannten Netflix-Abend. Aber ohne Sessel oder zumindest Kissen wird das nicht gemütlich. Er geht nochmals allen Wänden und Decken entlang. Dann bindet er die Sofakissen mit Gurten an das Sofa und stellt dieses an die Wand. Geht doch. Zufrieden setzt er sich aufs Sofa, steht nochmals auf, dreht den TV um weitere neunzig Grad und schaut Netflix. Stundenlang. Im rechten Winkel zu seiner Perspektive, die er jahrzehntelang inne gehabt hatte. Geht prima.

Prüfen, ob er das Haus verlassen kann, wird er morgen. Er kann wahrscheinlich auch aussen an den Hauswänden entlang gehen, aber wie kommt er zur Bushaltestelle? Wenn das Auto in der Garage steht, kann er wahrscheinlich einsteigen, aber dann? Velofahren? Wie kann er weiterhin berufstätig sein, er, der gelernte Bodenleger? Er wird sich morgen darum kümmern.   


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2 Kommentare zu „Perspektive

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