Mücke Aurelia – 1

Mücke Aurelia ist Thurgauerin. Es gefällt ihr gut in Mostindien und doch spürt sie den Drang, die grosse weite Welt kennenzulernen. Eines Tages fällt ihr ein Auto mit St. Galler-Nummernschild auf und sie beschliesst spontan, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Aurelia kennt die Gefahren, die von Autos ausgehen. Sie hatte in der Schule gelernt: „Fahrendes Auto plus Windschutzscheibe gleich Tod“. Sie fliegt das stehende Objekt daher von der Fahrerseite her an und streckt ihre Temperaturfühler aus. Das Auto steht nicht an der Sonne und strahlt keine Hitze aus, also kann sie landen, ohne sich die Füsse zu verbrennen. Sie stakst zum Türrand und versteckt sich dort auf der Innenseite der Türe. Und wartet. Nach langer Zeit nähert sich ein zweibeiniges Wesen, öffnet die Autotüre, Aurelia schwingt sich hinein, der Mensch setzt sich ins Auto, schlägt die Türe zu und fährt, ohne den blinden Passagier auf dem Rücksitz zu bemerken, in den Kanton St. Gallen. Während der Fahrt schleicht sich Aurelia geräuschlos wieder zur Fahrertür und kann ungehindert ausfliegen, als der Mensch aussteigt. Aurelia hat Hunger, daher entscheidet sie, die erste Nacht mit dem Mensch zu verbringen, der sie freundlicherweise gefahren hat. Sie setzt sich frech auf den Rücken des Menschen und lässt sich in eine Wohnung tragen. Erfahren wie Aurelia ist, erkennt sie sofort das Schlafzimmer, setzt sich ab und wartet, auf der Vorhangkante sitzend, auf ihr Abendessen.

Mücke Aurelia wartet auf der Vorhangkante auf ihr Abendessen.

Es ist nach Mitternacht, als die Verpflegung endlich geliefert wird. Aurelia schaut mit knurrendem Magen interessiert zu, wie ihr Menü angerichtet wird. Ihre Lieblingsjahreszeit ist der Sommer und Temperaturen, die auch nachts nicht unter 25 Grad fallen. Ihre Lieblingsmenschen sind jene, die unter den Tropennächten fürchterlich leiden und füdliblutt mit alle Vieren von sich gestreckt schlafen. Dann hat sie jeweils ein leichtes Spiel. Bauch- oder Rückenlage sind Aurelia egal. Hauptsache es gibt keine Anflughindernisse.

Jetzt ist es schon nach Mitte September, also wird es ein bisschen anspruchsvoller, aber nicht unlösbar. In der Regel müssen verschiedene Textilien überwunden werden. Das einzige, was Aurelia hasst, sind Strampelanzüge, vor allem, wenn erwachsene Menschen sie tragen. Der Zugang ist nur via Halsausschnitt möglich und die fehlenden Notausgänge können für die Besucherin den Tod bedeuten.

Das Licht ist aus, der Mensch atmet regelmässig, Aurelia startet ihren Erkundungsflug. Es gibt Menschen, die das Summen ihres Motors als bedrohlich empfinden, daher zieht sie es in der Regel vor, mit dem Rekognoszieren zu warten, bis das Objekt schläft. Wenn sich mehrere Lebewesen im Raum befinden, bestimmt sie zuerst die Zielperson. Anschliessend evaluiert sie sorgfältig den Landeplatz und die Anflugschneise. Dann setzt sie zur Landung an. Heute gelingt diese wie nach Schulbuch.

Aurelia krabbelt unter die Textilien. Sie schnuppert und prüft die Hautfestigkeit. Sie achtet auf allfällige Veränderungen des Atemrhythmus ihrer Zielperson um sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, sollte sich die Gastgeberin bewegen. Aurelia wandert, bis sie zu einer einladenden Hautfalte kommt. Hautfalten mag sie besonders. Sie legt sich auf dem Rücken in den Spalt, zupft ihre Flügel zurecht, kuschelt einen Moment und fährt dann ihren Stachel mit kleinem Winkel nach rechts zielsicher aus und sticht erbarmungslos zu. Mmmh. Köstlich! Üppig, warm, voll entfaltet sich der Geschmack des reifen Safts. Wenn sie den Genuss doch nur festhalten könnte. Den Abgang geniesst sie daher besonders. Eisen begleitet von einer Note Lindorkugeln. Vorsichtig zieht sie den Stachel zurück. Ohne ihre Position verändern zu müssen, nur den Winkel leicht nach links wechselnd, sticht sie präzise auf der anderen Seite der Falte zu. Welch Gaumenfreude auch hier! Mit so wenig Aufwand. Das Bäuchlein von Mücke Aurelia füllt sich und wird runder. Aurelia räkelt sich und rappelt sich auf. Ihre Augen werden gross und grösser. Da könnte man doch gleich auch noch – und sie wirft ihr ganzes Gewicht auf den Stachel und landet einen weiteren Volltreffer. Das Leben kann so schön sein. Mücke Aurelia ist ihrem Versorger ausserordentlich dankbar, dass er bewegungslos schläft und sie sich damit ungestört und gefahrlos am Buffet bedienen kann. Sie schlendert weiter und stösst auf ein flaches, weites, leicht angespanntes Feld. Sie schnuppert. Fein! Da sollte sich die Mühe lohnen. Wenn die Haut des Versorgers angespannt ist, muss Aurelia Kraft anwenden für den Einstich. Aurelia fühlt sich bereits genug gestärkt und galoppiert los. Zielsicher reisst sie einen abrupten Stopp – und mit der Fliehkraft ist es ein leichtes in ungeahnte Tiefen vorzudringen. Schmatz, schmatz, schmatz. Stachel vorsichtig herausziehen.

Eigentlich ist sie jetzt satt, aber die Zielperson schläft so unschuldig. Warum nicht die Gunst der Stunde nutzen? Aurelia stelzt munter weiter und sticht noch vier Mal übermütig und barbarisch zu. Dann hat sie genug gesammelt, um ihren vielen Kindern einen ausgezeichneten Start ins Leben zu ermöglichen. Aurelia fliegt – leicht schwankend – zurück auf die Vorhangkante und wartete darauf, dass der Mensch anfängt sich zu kratzen. Das wird kommen, sie weiss das. Und sie wird nicht enttäuscht.

Mücke Aurelia

Quelle, Mostindien: https://staatsarchiv.tg.ch/de/wissen/haeufig-gestellte-fragen.html/877#js-accordion_control–04

Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.


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2 Kommentare zu „Mücke Aurelia – 1

  1. Oh, wie habe ich mich gefreut, die Geschichte von Aurelia wieder lesen zu können 🙂
    Ich habe während den wunderschönen Ferien auf Mallorca oft an sie gedacht, durfte ich dort doch intensiv Bekanntschaft mit ihrer mallorquinischen Verwandtschaft machen. Obwohl die spanischen Mücken viel kleiner sind als Aurelia, hinterlassen sie als Erinnerung ein viel intensiveres „Juckerlebnis“ als die Thurgauerin 🙂
    Bin gespannt auf eine Fortsetzung….

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