Der Husten, Dr. Vogel und ich

Wir liegen im Bett. Alle drei. Der Husten, Dr. Vogel und ich – im selben Bett. Gemütlich wäre anders.

Dr. Vogel will, dass ich viel trinke, inhaliere und die Luft im Zimmer feucht halte. Der Husten will seiner Arbeit als Verteidigungsminister nachkommen und damit alles, was seiner Meinung nach nicht in meine Bronchien und weiteren Atemwege gehört, mit bis zu tausend Stundenkilometern (steht so Internet) aus meinem Körper schleudern. Ich will schlafen.  

Es ist die dritte Nacht, die wir miteinander verbringen und die beiden sind auch während des Tages kaum von meiner Seite gewichen. – Mein Schreibfluss ist gerade von einem Doppelniesen unterbrochen worden, das so heftig war, dass Tränenflüssigkeit aus meinen Augen spritzte. Ich wusste bis eben nicht, dass so etwas möglich ist. Der Tränenschleier vermindert mein Sehvermögen. Ich klaube die Brille von der Nase, trockne die Augen, putze die Nase, reinige die Brille und bringe dann das Nasenfahrrad wieder in Position. Nochmals schnäuzen. Weiterschreiben. – Dr. Vogel vertraue ich voll und ganz, wobei er anstrengend sein kann. Woher die Kraft nehmen um die Hausmittel vorzubereiten und anzuwenden, wenn sämtliche körpereigenen Abwehrkräfte an verschiedenen Fronten heftig gegen die zerstörerischen Eindringlinge kämpfen?

Auch mein Verteidigungsministerium geniesst mein uneingeschränktes Vertrauen. Ich frage mich einfach, ob es die Sache auch ruhiger und effizienter und trotzdem effektiv angehen könnte. Ist es wirklich nötig, dass meine Immunabwehr so aggressiv reagiert, dass es mein Gehirn erschüttert? Jeder Muskel in meinem Körper sich in atemberaubender Geschwindigkeit komplett zusammenziehen muss und sich dann ergeben darf? Dass der Verputz fast von den Zimmerwänden fällt und die Nachbarn sich überlegen, umzuziehen? Ob die Feinde nicht auch vertrieben werden könnten, wenn der Husten Kollateralschäden vermeiden würde? Die Kopfschmerzen, der Muskelkater, die Müdigkeit, die verschwitzte Leib- und Bettwäsche?

Ich gehe duschen. Während ich die dampffeuchte Luft einatme, stellt mein Husten seine Aktivität ein. Ein frisches Pyjama, ich fühle mich schon fast wieder gesund. Ein frisch bezogenes Bett würde noch dazugehören, aber dafür fehlt die Kraft. Teetasse in der Küche neu befüllen, Bettflasche ebenfalls. Fenster im Schlafzimmer schliessen, ohne die erfrischende, aber trockene und kalte Luft begierig einzuatmen. Zurück ins Bett. Bronchialbalsam einschmieren, Licht löschen, einmümmeln, sich der Müdigkeit ergeben – und, ja natürlich, das Verteidigungsministerium hat den Waffenstillstand soeben für beendet erklärt, die nächste Attacke lässt mich erschöpfter zurück als zuvor.

Wie wäre es verlaufen, wenn ich die Erstbehandlung konsequent fortgesetzt hätte? Ich begann bei den ersten Anzeichen nämlich sofort mit der Einnahme von Appenzeller Kräuterschnaps und wechselte dann zu Dr. Vogel.

Die Geschichte begann ich im Herbst 2019 zu schreiben, also zu einer Zeit, als ein Husten noch nicht  zu einem Covid-Test führte. Man hatte einfach Husten und der ging wieder weg, nachdem man genügend Mitmenschen behustet hatte.


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2 Kommentare zu „Der Husten, Dr. Vogel und ich

  1. … zum grosse Glück stammt de Text us de guete, alte Zyt, „früehner“ isch hüt gar nüme so lang her…..bi beruehiget.. Böllewickel helfed denn au – em Fall die Problem wieder akut werded, und Dr.Vogel uf Vorrot isch z empfehle…

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  2. Köstlich, diese Hustengeschichte!!
    Vorallem wenn man als gesund lesen darf. Grossartig, sie hat mich versöhnt, dass ich auf Fortsetzung Jane warten muss. 😉

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