Wer bist du

Ich stehe neben deinem Bett. Du liegst. Ich sehe dich, schaue dich an. Ich weiss, wie du heisst. Ich weiss, dass wir uns kennen; seit ewig.

Ich erkenne dich nicht mehr. Ich suche in deinem Gesicht nach den Spuren der Person, die ich vor rund 35 Jahren zum letzten Mal gesehen habe. Mein Blick gleitet zu deinen Händen. Ich glaube, auch zu diesen, Bilder in meinem Gedächtnis abgelegt zu haben.

Aus deinen Äusserungen schliesse ich, dass du mich erkennst; oder ist es ein Anerkennen dessen, dass man dir gesagt hat, ich würde dich besuchen? Erinnerst du dich – wie ich – an das, was uns verbindet?

Das Gesicht, dem ich „Hoi T“ sagte, begleitet mich, auch nachdem ich mich verabschiedet habe. Immer mehr Erinnerungen präsentiert mein Gehirn. Wenig Belastendes, einfach Bilder von früher, aus meiner Kindheit und dem jungen Erwachsenenleben.

Ich bin traurig und verunsichert. Meine Erinnerungen gehören nur noch zu einem Namen und werden nicht eins mit der Person, die ich betrachtet habe. Ein unangenehmes Druckgefühl auf meinem Brustbein begleitet meine Gedanken. Dieser Mensch sei T. Man hätte mich zu irgendeinem älteren Menschen führen und sagen können: „Das ist T.“ Einen Menschen, der mir emotional nahesteht, nicht mehr erkennen. Die anderen sagen, das ist T. T sagt, sie sei T. Ich fühle mich hilflos. Wie kann ich das, was visuell in meinem Gedächtnis abgelegt ist, mit dem heutigen Aussehen zusammenführen?

Ich müsste Zeit mit T verbringen, immer wieder. So würde mein Gehirn das aktuelle Aussehen mit meinen vergilbten Bildern verbinden, es würde wieder vertraut, zum neuen Vertrauten. Meine Neuronen können das leisten. Und T’s Neuronen? Was löste mein Besuch bei T aus?

Der Text entstand zur Ausstellung „Bild und Text zum Vergessen“, 10.2024 – 01.2025, Romanshorn TG.


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