Es herrscht dicke Luft. Sehr dicke Luft. Ich hatte mir einen positiven Ausgang des Gesprächs gewünscht, machte aber Fehler. Ehrlich gesagt, war mir bewusst, dass es nicht ohne Zoff enden kann. Wenn man jemanden eine Absage erteilen muss, der sich auf etwas gefreut hat, tut es einfach weh, da hilft gar nichts.
Wenn eine Yogini – zu Deutsch eine Yoga-Praktizierende – die Sachen packt, die sie braucht, wenn sie eine oder mehrere Nächte auswärts verbringt, dann steht an erster Stelle die Yogamatte. Ausnahmslos. Zahnbürste, Zahnseide, Antifaltencreme und was sonst noch nötig ist, kommen erst danach. Immer. Ohne Zahnbürste in die Ferien, das geht zur Not, aber unter keinen Umständen würde eine wahre Yogini irgendwohin gehen ohne ihre Matte.
Ich habe vier Kofferetiketten. Ich bin am Packen. Das was ich mitnehmen will, sammle ich auf dem Gästebett. Das ist praktisch. In Phase 1 muss ich mir keine Gedanken machen, ob etwas sinnvoll ist oder Platz hat. Ich häufe an. Je nach Stimmung, Zeitressourcen und Beschaffenheit des Stücks fliegt es oder wird sorgfältig auf die Matratze gelegt.
Auf dem Sammelplatz lag auch die Yogamatte. Sie lag. Sie hat das Gästebett unfreiwillig verlassen und ist sauer. Ich gebe zu, dass es unklug war, sie nicht umfassend an meiner Yoga-Entliebung teilhaben zu lassen. Ich hatte der Yoga-Lehrerin folgende Nachrichten geschickt:
„30.11.2022 Liebe XY, vielen Dank für die Erinnerung. Das ist ein toller Service. Trotzdem: Meine Yoga-Krise und ich melden uns ab. Die Yoga-Sachen liegen zwar im Auto, ein bisschen Wille war also wenigstens am Morgen da. Ich habe jetzt aber noch ganz viel Arbeit gefunden und werde meine Finger noch ein paar Stündchen über die Tasten fliegen lassen, statt Yoga zu machen. Ich wünsche dir einen schönen Abend. LG Irene
07.12.2022 Liebe XY, ich habe zwar heute Morgen die Yoga-Tasche wieder ins Auto geladen, aber ich spürte bereits da, dass es wohl eher eine Alibi-Übung ist. Ich melde mich definitiv ab, auch gleich für die nächsten vierzig Jahre (dann bin ich 97-jährig). Deine Art, wie du Yoga vermittelst, hat mir sehr zugesagt. Ebenso, wie du schaust, dass man auch weiss, wohin man muss, wenn man viel Anderes um die Ohren hat, finde ich ausgezeichnet. Offenbar liegen dir Yoga und Organisation gleichermassen, was für die Teilnehmenden sehr wertvoll ist. Es tut mir leid, dass ich dich nicht mehr sehen werde, aber Yoga und ich passen offenbar irgendwie nicht zusammen.
Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfolg beim Yoga und dass deine Angebote immer ausgebucht sind. Ich wünsche dir besinnliche und frohe Advents- und Feiertage und alles Gute im 2023! Herzliche Grüsse, Irene“
Das hätte ich natürlich mit meiner Yogamatte besprechen sollen, aber sie tut nun schon sehr zickig. Sie hat schliesslich gemerkt, dass sie nie mehr ganze Tage im kalten Auto verbringen musste. Nie mehr wurde auf ihr herumgetrampelt. Nie mehr musste sie sich mit anderen Yoga-Matten messen. Und zum Dank macht sich was? Hat sich beleidigt zusammengerollt und schmollt.
Ich könnte auch emotional verletzt sein, sogar physisch. Gemäss Duden hat „Matte“ verschiedene Bedeutungen, eine davon ist: „Unterlage aus weichem, federndem Material mit festem Überzug (zur Abschwächung von Sprüngen beim Turnen, als Fläche für die Kämpfe im Ringen o. Ä.).“ Bei meiner Yogamatte stimmt das mit dem „festen Überzug“, aber von „weichem, federndem Material“ habe ich während meiner kurzen, intensiven Yoga-Karriere nie etwas gemerkt. Wie sollte das auch möglich sein, bei einer Höhe von fünf Millimetern? Und auf fünf kommt man nur, wenn man grosszügig misst, sonst wären es eher vier. Schon klar, warum es ihr auf meinem Gästebett so gut gefallen hat und sie ohne zu murren monatelang bewegungslos dalag.
Ich wende mich dem Kofferpacken zu. Mindestens eine der vier Etiketten brauche ich definitiv nicht.
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