Arbeitsalltagsunterbrechung 2023-2

Vier Kofferetiketten. Für mich allein. Was soll ich denn alles mitnehmen? Einen Teilnehmerausweis im Format A4 hat mir die Veranstalterin auch geschickt. Den soll ich bei jedem Ausflug dabeihaben und auf Verlangen vorweisen. Ein leises Unbehagen beschleicht mich. Ich habe gestern beim Grossverteiler das Regal mit den Reiseartikeln begutachtet und mich gegen den Dokumentensafe entschieden, den ich mir um den Hals hängen könnte. Vielleicht sollte ich meinen ablehnenden Entscheid überdenken.

Das Etui aus Halbkarton, in dem weitere Reiseunterlagen steckten, will ich gleich zum Altpapier legen, doch auf der Innenseite ist eine To-do-Liste gedruckt. Den Kühlschrank soll ich leeren. Verstehe ich gerade nicht. Das Gurken- und das Senfglas werden doch sechs Nächte ohne mich schadlos überstehen? Die Pflanzenpflege soll ich organisieren. Ich habe schon vor längerer Zeit von Topfpflanzen auf Blumenbilder umgestellt. Die sind pflegeleichter. «Ferienadresse an Freude/Verwandte melden». Hallo Tippfehler, dich kenne ich, du hast dich gerade kürzlich bei mir beruflich auch eingeschlichen, aber einer Gegenleserin bist du aufgefallen, bevor ich das Gut zum Druck erteilt habe. Die Adresse braucht niemand, ich bin via Mobiltelefon und E-Mail erreichbar und ich will nicht noch mehr Menschen erschrecken (siehe Text von letzter Woche, Titanic, Tod auf dem Nil etc.).

Ich sortiere das viele Papier aus, aber es bleibt zu viel, das ich offenbar mitnehmen muss. Daher wohl vier Kofferetiketten.

Das Zusammenführen der verschiedenen Informationen führt zu folgendem Ergebnis: Sechs Übernachtungen, sieben Reisetage. Am An- und Abreisetag muss ich am Morgen zu einer Zeit aufstehen, zu der ich an Arbeitstagen in der Regel noch friedlich schlafe. Wie von der Veranstalterin empfohlen, habe ich im Voraus vertrauensvoll und ahnungslos Ausflüge gebucht. Jetzt muss ich feststellen, dass diese an vier von fünf der verbleibenden Tage am Morgen stattfinden. Ich lese: «Dauer: ca. 4 h, Vormittag». Mein Biorhythmus bäumt sich auf, protestiert und erklärt, ein Ferienvormittag hat nie, niemals vier Stunden. Ein einziges Mal wird mir gegönnt, dass ich beim Aufstehen die Sicht auf den Fluss geniessen kann. Ob es noch andere Passagiere haben wird, die sechsmal das Frühstücksbuffet verpassen werden?

Ich muss mit meinem Vorgesetzten umgehend eine Krisensitzung organisieren. Thema: Ferienverlängerung zur Erholung von den Reisestrapazen. Und die Reise hat noch gar nicht begonnen.


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