Er hockt auf dem Fenstersims. Und guckt. Er schaut nur zu, den lieben langen Tag. Ihn als introvertiert zu bezeichnen, ist sicher nicht falsch. Wie soll man jemanden genauer beschreiben, der nur sitzt und guckt? Rundlich, glatte Haut, aufrechte Haltung mit ausdruckslosem, nicht unfreundlichem Gesicht, unbehaart, scheinbar bewegungslos, still.
Wir wenden uns besser dem Geschehen im Raum zu. Ein Mensch, der halb ausgezogen auf einer Patientenliege liegt; ein anderer Mensch, der am liegenden Mensch herumhantiert. Der aufrechte Mensch sticht den liegenden Mensch mit Nadeln. Hand mit der Aussenseite des kleinen Fingers auf dem Körper des liegenden Menschen aufsetzen, Ziel fixieren, Nadel rotieren lassen und stechen. Stachel weiter hin und her drehen, noch tiefer hineinstechen. „Geht es“, hören wir eine freundliche Stimme und der aufrechte Mensch lässt die Nadel los, die nun festsitzt und stolz aus dem gepeinigten Körper ragt. Der aufrechte Mensch nimmt die nächste Nadel, sticht wieder auf den liegenden, leidenden Mensch ein und lässt sie stecken. So geht das einige Male. Der aufrechte Mensch scheint zufrieden und entspannt. Offenbar geht er seiner Tätigkeit freiwillig nach.
Der aufrechte Mensch verlässt den Raum, der liegende Mensch bleibt bewegungslos liegen, hat die Augen geschlossen. Die Bauchdecke hebt und senkt sich regelmässig, offenbar lebt er – trotz der Stiche – noch. Sein Gesicht rötet sich. Die Farbe, die sich zuerst um die Einstichstellen gebildet hatte, breitet sich über den Körper aus und sammelt sich im Gesicht. Er schwitzt, wirkt angespannt. Fast fühlt man sich versucht ihm zu Hilfe eilen zu wollen.
Dann löst sich die Anspannung, die Gesichtsfarbe normalisiert sich. Die Bauchbewegungen werden langsamer. Der Atem wird leiser. Liegt er im Sterben?
Der aufrechte Mensch kommt unaufgeregt zurück, zieht alle Nadeln heraus und entsorgt sie in einen Kübel. Der liegende Mensch wird zum sitzenden Mensch und kurze Zeit später auch zum aufrechten Mensch. Er zieht sich wieder vollständig an. Die beiden sprechen noch ein wenig miteinander. Der gestochene Mensch gibt dem aufrechten Mensch Geld und die beiden verabschieden sich voneinander.
Das wiederholt sich mehrmals pro Tag, an mehreren Tagen pro Woche, mit verschiedenen Menschen. Einzig der stechende Mensch ist konstant.
Auf dem Fenstersims wird intensiv nachgedacht. Was soll das wohl? Wofür ist das gut? Nadeln rein raus, rein raus, rein raus. Und warum ist beim Reinstechen manchmal ein Zucken beim liegenden Menschen feststellbar, sind zum Teil sogar Wehlaute zu hören? Für den Beobachter auf dem Fenstersims ist das nicht nur unverständlich, sondern es wirkt bedrohlich. Würden die beiden Menschen wenigstens kurz den Blick auf ihren Zuschauer richten, würde ihnen auffallen, dass beim Herausziehen der Nadeln auf dem Fenstersims ganz leise gestöhnt und geschwitzt wird.
Wie soll sich der Kaktus wehren, wenn die Akupunkteurin plötzlich den Eindruck hat, die Nadeln seien nun lange genug in ihm gesteckt?
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