Noch ein letzter Blick zurück, ja, ich habe alles eingepackt. „Bitte verlasse diesen Ort so, wie du ihn anzutreffen wünschst“, habe ich damit eingehalten. Ich gehe los.
Langsam. Aufmerksam. Ich kenne die Strecke noch nicht. Mir scheint, ich sei sie noch nie gegangen. Auch nicht auf dem Hinweg. Ich konzentriere mich, schaue auf den Boden, suche nach Markierungen. Die Lichtverhältnisse sind nicht ideal, aber es reicht. Würde das Navigationsgerät funktionieren, wenn ich mir den Ausgangspunkt gemerkt hätte? Als Koordinaten habe ich nur „Y58“. Es sind noch andere Leute unterwegs. Nur nichts anmerken lassen. Aufrecht gehen, Füsse bestimmt auf dem Boden aufsetzen, Tempo beibehalten.
Aus den Augenwinkeln nehme ich zwei Frauen wahr. Sie lachen, sind fröhlich, aber es ist offensichtlich: sie suchen. Sie haben keine Ahnung, in welche Richtung sie gehen sollen.
Ich lasse mich nur kurz ablenken und richte meinen Fokus wieder auf die Bodenmarkierungen. Ein Steinblock, ich gehe um ihn herum, ich kann gar noch nicht am Ziel sein. „Y58“. Ich sehe „M“, weiter entfernt „N“. Meine Richtung scheint zu stimmen.
Farben hat es auch noch. Wenn jeder Buchstabe in jeder Farbe vorkommt, könnte sich mein Problem verschärfen. Auf dem Hinweg stand auf einem Schild: „Merken Sie sich Farbe und Bezeichnung.“ Das hatte ich gemacht, ich bin schliesslich keine Anfängerin. Ich realisiere jetzt einfach, dass meine Farbe keine Farbe ist, die ich mir merken kann. Rot, blau, grün, gelb, das ginge, aber darüber hinaus? Ich werde mir bewusst, dass ich die Farbe hätte fotografieren sollen. Da ich sie nicht hatte klar benennen können, konnte sie mein Gehirn nicht speichern. Offenbar brauche ich Buchstaben oder Zahlen, damit etwas haften bleibt. Eine Farbe allein, kann mein Gedächtnis nicht wieder abrufen. Wenn es nur ein Y58 gibt, also nicht bei jeder Farbe eines, dann kommt es gut.
Ich achte auf meinen Atem, wechsle von der aus Nervosität entstandenen Brust-, wieder in die entspannende Bauchatmung. Und festen Schritt beibehalten. Mittlerweile kann ich das „U“ erspähen, das „V“ hebt sich von der Dunkelheit ab. Ich wische mir den Schweiss von der Stirn. Die Nervosität meldet sich wieder, jetzt aber eher aus Vorfreude. „W“, ich erhöhe mein Schritttempo, „X“, ich spüre, das kommt gut, „Y“, mein Puls rast, Blick nach rechts, dann nach links, da steht es, mein Auto! Mir scheint fast, die Freude sei gegenseitig.
Mein Mut wird belohnt, wobei es bei meinem unterentwickelten Orientierungssinn eher töricht als mutig ist, auf zwei verschiedenen Wegen ins Einkaufszentrum und wieder zurück zum Auto zu gehen. War es Selbstvertrauen oder Übermut? Dass ich mit einem anderen Lift in die Tiefgarage hinunterfuhr, als drei Stunden vorher von unten hinauf ins Paradies, das hatte sogar ich gemerkt.
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