Erstens
Einweichen 60 Sekunden, währenddessen Einweichwasser umrühren. Es folgt die maschinelle Hochdruckreinigung. Die anschliessende manuelle Feinreinigung beunruhigt. Wenn das nur keine Kratzspuren hinterlässt. Wassersauger, er ist zu wenig kräftig. Besorgt, aber tapfer schlucke ich immer wieder Reinigungsflüssigkeit und den mittlerweile gelösten Schmutz. Das ist sicher giftig, sonst könnte das Reinigungsmittel nicht so rasch und effektiv wirken. Staubsauger. Politur. Ja, mein Auto glänzt wieder streifenfrei und die Dentalhygienikerin schlägt einen neuen Termin im Februar 2024 vor. Die Autoreinigung kostete fünfzehn Franken, die Dentalhygienebehandlung hundertdreiundsiebzig Franken vierzig. Es war ein guter Tag.
Zweitens
Ich möchte halt auch einen. So viele haben schon einen, nur ich nicht. Eigentlich bräuchte ich zwei. Seit Monaten überlege ich, zwei oder wenigstens einen zu kaufen. Notwendig? Nein, natürlich nicht. Luxus, man gönnt sich ja sonst nichts. Ich habe schon einmal bei den Nasszellenartikeln bei den Grossverteilern meines Vertrauens geschaut. Dort gibt es sie nicht. Nur WC-Bürsteli und WC-Bürsteli-Halter. In verschiedenen Ausführungen. Aber das brauche ich zurzeit nicht. Ich habe sie kürzlich ersetzt und die Bürsteli habe ich immer im Vorrat. Von Luxus spreche ich da nicht, nur von Hygiene und wie der Magen reagiert, wenn ich auswärts Bürsteli sehe, deren besten Tage schon lange überschritten sind. Nun gut, am Freitag beschloss ich: Doch, ich leiste mir das. Ob einen oder zwei liess ich noch offen.
Ich ging zum Baumarkt. Die Einkaufswägeli sind riesig. Ich will weder renovieren noch den Dachstock, über den meine Wohnung nicht verfügt, ausbauen, also entscheide ich mich für den Einkaufskorb. Was nicht Platz hat, werde ich in der anderen Hand tragen. Wenn ich schon einmal da bin: Zwei Liter Scheibenwischerwasser, Wintermischung, lassen sich in den Korb plumpsen. Es folgt eine Sprühflasche Enteiser. Die Vorgängerin hatte sich im Auto übergeben. Weil ich ihr Näschen nicht auf „off“ gestellt hatte, leerte sie sich irgendwie selbständig. Ich streife allen Regalen entlang, schaue jedes Produkt an. Man weiss in der Regel vorher nie, was man noch brauchen könnte, daher muss entsprechend Zeit eingeplant werden. Das habe ich gemacht.
Und dann stehe ich vor ihnen! Den WC-Deckeln! Mit Absenkautomatik! Mein Herz hüpft vor Freude. Es wird keine Stunde mehr dauern und auch ich kann mich auf den Badewannenrand setzen, den WC-Deckel anheben, loslassen und zuschauen, wie er sich langsam und geräuschlos senkt. Stundenlang. Immer wieder. Anheben, loslassen, geniessen. Ich stelle mir das sehr entspannend vor. Aber jetzt, zurück ins Hier und Jetzt und die verschiedenen Ausführungen studieren. Das Hüpfen meines Herzens verlangsamt sich, die Sprünge werden kleiner, mein Lächeln verschwindet, die Traurigkeit klopft an. Ich zähle neununddreissig Modelle. Ich wollte doch einfach einen WC-Sitz mit Deckel mit Absenkautomatik. Wie, bitte sehr, soll ich herausfinden, welches Modell zu meiner Toilette passt? Hätte ich tatsächlich zuerst im Internet Vergleiche machen, Testberichte lesen, Foren studieren und einem Verband beitreten sollen? Hätte ich im Büro das Pausengespräch unauffällig auf WC-Deckel lenken sollen um mir während der engagierten Diskussion die nötigen Fachkenntnisse anzueignen? Ich komme nicht gegen die Niedergeschlagenheit an. Im Gegenteil, ich entdecke, dass es zu den Deckeln verschiedene Befestigungsgarnituren gibt. Als ich das letzte Mal die Deckel und Sitze ersetzte, konnte ich doch einfach eine Kunststofftasche aus dem Gestell nehmen und zu Hause die Sachen ersetzen. In der Tasche war alles drin, Deckel, Sitz und Befestigungsmaterial. Grenzenlos enttäuscht, zottle ich Richtung Kasse. Heute und morgen wird das nichts, aber so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen. Ich werde im Internet einen Online-WC-Sitz-Deckel-Automatik-und-Befestigungsgarnitur-Kurs finden, absolvieren und mit Auszeichnung bestehen! Und danach kaufe ich mir eine vollautomatische Version. Wenn ich jeweils die Badezimmertüre öffne, erhält der Deckel automatisch ein Signal, hebt sich an und wenn ich wieder aufgestanden bin, senkt er sich langsam und zuverlässig, sogar ohne, dass ich ihm ein Schüpfchen geben muss. Jawohl!
Drittens
Wir schreiben das Jahr 5000 nach Christi Geburt. Die Menschen haben die Erde vor langer Zeit verlassen. Sie hatten während Jahrhunderten erfolglos nach einem passenden Alternativplaneten gesucht. Immer hatten sie irgendetwas auszusetzen. Den einen war es zu warm, den anderen zu kalt, den dritten zu trocken und den restlichen zu nass. So konstruierten sie schliesslich einen neuen Planeten nach eigenem Gusto, riefen das Volk zu sich, alle fanden Platz und sie begaben sich in ihre neue Umlaufbahn. Der Planet Erde wurde mit Fauna und Flora sich selbst überlassen.
Der Grossteil der Menschheit weiss im Jahr 5000 nicht mehr, woher sie kommt. Es gibt kaum noch entsprechendes Forschungsinteresse. Nur eine kleine Gruppe ewig gestriger Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen gibt ihr Wissen nachfolgenden Generationen weiter. Im Jahr 5000 beamen sie sich zur Erde um mehr darüber zu erfahren, was aus ihr geworden ist. Berge, Hügel und Gebäude können von aussen nicht mehr voneinander unterschieden werden. Die Pflanzen haben die Gebäude umwachsen. Die Wissenschaftler entfernen Gewächse und Erdreich um herauszufinden, ob sich unter der Erde Gestein oder Beton, Ziegelsteine, Metall und Glas befinden. Sie stossen auf ein Gebäude. Es hat Hohlräume, die Natur hat sich nicht alles zurückgeholt. Die Gruppe streift durch die Höhlengänge. Irene, eine der Wissenschaftlerinnen, bleibt plötzlich wie gebannt stehen. Die Lichtstrahlen der Stirnlampen haben soeben WC-Deckel erfasst. Irene spürt ein noch nie dagewesenes Glücksgefühl. Erklären kann sie es sich nicht, aber sie glaubt an Wiedergeburt und instinktiv weiss sie: In einem früheren Leben mussten diese neununddreissig WC-Deckel einen tiefen, stärkenden Eindruck in ihrer ewig währenden Seele hinterlassen haben.
Entdecke mehr von Geschichten
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
👍👍👍😂😂😂
Freue mich auf morgen!
LikeLike