Vor mir ein Kopf mit je einem Streifen, links und rechts. Im Halbdunkel erkenne ich, dass es sich bei den Streifen um den äusseren Rand von Ohrmuscheln handelt. Die Muscheln sind – genau genommen – nicht sichtbar. Ich nehme also an, die Streifen gehören zu Ohren. Wenn bei Veranstaltungen die Stühle in Reihen statt versetzt aufgestellt werden, sieht man am Kopf, der direkt vor einem sitzt, keine Ohrmuscheln, höchstens Streifen.
Ich habe den Eindruck, die Streifen meines Vordermannes seien überdurchschnittlich lang. Wie lange wohl? Ich bin schlecht im Schätzen. Ich schiele zu den Streifen seines Sitznachbarn. Sind auch lang. Wer hat die längeren? Gerne würde ich die beiden Köpfe sanft zueinander führen, Ohr auf Ohr. Ich halte mich zurück. Meine Augen wandern bis an die beiden Enden der Sitzreihe beziehungsweise so weit, wie ich meinen Blick richten kann, ohne auf meinem Stuhl umherrutschen zu müssen und suche weitere Streifen. Vor mir hat es drei Sitzreihen. Ich sehe nur noch die Streifen, nehme nichts Anderes mehr wahr, wobei nicht alle Köpfe diese Streifen haben.
Die Haarpracht entscheidet, ob Streifen sichtbar sind oder nicht. Ich muss unbedingt die Coiffeuse meines Vertrauens beim nächsten Besuch fragen, ob sie Kunden und Kundinnen hat, die sich beim Besprechen der Frisur Gedanken darüber machen, wie die Ohren nach dem Schnitt von hinten wirken. Selbst habe ich mir das bis heute noch nie überlegt. Seit Jahren lasse ich mir die Ohren ausschneiden. Dabei habe ich mich nur immer von vorne betrachtet und vielleicht noch ein bisschen von der Seite. Aber von hinten? Schnurgerade von hinten?
Hätten wir keine Ohrmuscheln oder wären sie komplett angewachsen, hätten wir keine Rückwärtsstreifen. Was würden Leute machen, die sich ins Gesicht fallende Haare, dank der Segel, hinters Ohr streichen können? Und erst die Brillenträger? Hätten wir keine freistehenden Ohrmuscheln, wäre die Entwicklung der Brillengestelle bei der Schläfenbrille stehengeblieben?
Ich werde von meinen Betrachtungen und Überlegungen abgelenkt durch die fünf Tänzerinnen und Tänzer, die sich im Rahmen des Tanzabends „Origen am Square“ in der Universität St. Gallen in die quadratische Arena begeben. Tanzen vor und für ein Publikum, das rund um die Tanzfläche gruppiert ist. In der Einführung wurden wir informiert, dass es für Tanzende ungewohnt ist, auch von hinten gesehen zu werden.
Für die Kunstschaffenden sind hinten und vorne und seitlich aufgehoben. Die vertraute Anordnung, der schützende Orchestergraben, die erhöhte Bühne und die Distanz zum Publikum sind Teil der Vergangenheit. Wir Zusehenden und Zuhörenden sitzen rundherum. Die Darbietenden sind eingekesselt und durch uns beschützt. Während unsere Augen den Tanzenden folgen, Geist und Seele zu verstehen versuchen, was gerade erzählt wird, richten sich unsere Streifen zu den Lautsprechern, aus denen Bachsche Klänge ertönen, und wir lassen uns forttragen zu Hoffnung, Zuversicht und die Kraft der Kunst, wie im Programm versprochen.
Quellen:
www.origen.ch (Zugriff 27.11.2022)
https://de.wikipedia.org/wiki/Schl%C3%A4fenbrille (Zugriff 27.11.2022)
https://eventrental.de/12-typische-bestuhlungen-bei-veranstaltungen/ (Zugriff 27.11.2022)
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