„Viele halten sich für etwas, was sie nicht sind, obwohl sie etwas sind, wofür sie sich nicht halten.“ Quelle: Peter E. Schumacher, 1941 – 2013, Aphorismensammler und Publizist
Vor wenigen Wochen fragte unsere Yogalehrerin, wer Interesse an einem Samstagsworkshop habe. Was war wohl damals mit mir los? Wie konnte es zu der kolossalen Fehlentscheidung kommen, dass ich mich auf der entsprechenden Liste einschrieb? Zweieinhalb Stunden Yoga… 150 Minuten… 9000 Sekunden… an einem freien Samstagvormittag,… der doch zur Erholung eingeführt wurde…
Vier Tage vor dem Workshop erhalte ich eine Kurznachricht, dass es beim Durchführungsort nur wenige Parkplätze habe. Ich konnte einmal beruflich an einem Vortrag nicht teilnehmen, weil ich beim besten Willen keinen Parkplatz finden konnte. Vielleicht habe ich am Samstag Teilglück. Die Parkplatzsituation wird mich zwar nicht vor dem frühen Aufstehen schützen, aber vielleicht muss ich unverrichteter Dinge gleich wieder nach Hause fahren. Eine leise Hoffnung nistet sich ein.
Zwei Tage vor dem Workshop geht eine weitere Kurznachricht ein. Der Hoffnungsschimmer zeigt ein kaum sichtbares Glühen. „Wer hat einen Yogablock, den er an den Workshop mitnehmen kann?“ Habe ich – natürlich. Sogar zwei. Meine Motivation und körperlichen Voraussetzungen mögen unterentwickelt sein, aber sicher nicht meine Ausrüstung. Der Hoffnungsschimmer wird wieder blasser.
Das Handy bleibt die nächsten zwei Tage ruhig und meine Besorgnis steigt stündlich. Wenn ich nachts überhaupt schlafen kann, plagen mich Alpträume. Mit einem Yogagurt gefesselt, kann ich mich nicht gegen auf mich stürzende Yogablöcke wehren. Die Yogamatte rollt sich fest um mich, weil ich sie zu Hause zu wenig oft ausgerollt hatte und lässt mich kaum mehr atmen. Vor meinem staubtrockenen Mund tanzt die teuflisch lächelnde, nicht fassbare Trinkflasche und ich werde gezwungen auf dem runden Meditationskissen wie auf einer Rolle zu trippeln und endlos zu rollen.
Am Samstagmorgen, endlich… und sogar zwei Nachrichten. Meine Yogalehrerin hat geschrieben, bevor ich überhaupt wach und aufgestanden war. Ich wünsche ihr wirklich von Herzen alles Gute. Vielleicht hat sie im Lotto gewonnen und der Fototermin musste kurzfristig auf heute Vormittag gelegt werden und daher muss der Workshop leider, leider abgesagt werden. Oder sie hat eine Einladung für eine Heissluftballonfahrt erhalten, die wetterbedingt heute Vormittag stattfindet. Voller Hoffnung klicke ich die Nachrichten an, noch bevor mein Bett vollkommen ausgelüftet ist.
Es hat nun doch genug Parkplätze… Ich sammle meine samstägliche Energie und als ich endlich im Auto sitze, zeigt mein Navi, dass ich drei Minuten nach offiziellem Beginn dort sein werde. Das Gerät erhöht seine Prognose auf vier Minuten, während sich mein Fahrzeug durch den Stadtverkehr kämpft. Warum sind so viele Leute unterwegs? Wären sie nicht auch verpflichtet, sich zu Hause zu erholen, damit sie am Montag wieder die volle Arbeitsleistung erbringen können?
Im Autoradio erklingt das Madolinenkonzert C-Dur von Antonio Vivaldi. Ich versuche zu spüren, wie das wäre, wenn Yoga für mich so leicht und beschwingt wäre, wie die Mandoline gerade meine Ohren verwöhnt. Danach folgt etwas Opernhaftes. Wenn Opernsingende schmerzhafte Gefühle interpretieren, stellen sie sich dann während dem Singen vor, sie machen Yoga? Anders ist es kaum zu erklären, dass jeder Ton die Zuhörenden in deren Seelen trifft und auch für sie der Schmerz der Handlung kaum auszuhalten ist.
Auf der weiteren Fahrt kann ich Zeit gutmachen und ich komme fast pünktlich an. Die Wegbeschreibung war eigentlich genial, mit Foto, genauso, wie ich es aufgrund meines kümmerlichen Orientierungssinns brauche. Ich schaffe es trotzdem, am Ziel vorbeizufahren und ich umkreise zuerst das Gebäude. Als auch ich den gut sichtbaren Parkplatz erkenne, muss ich – wie via Kurznachricht angekündigt – zuerst ein Absperrband entfernen, bevor ich parkieren kann. Danach will das Absperrband wieder gerichtet werden und ich mache mich auf die Suche nach dem Gebäudeeingang. Ich bin zwar zu spät, aber die Türe lässt sich öffnen. Im Innern des menschenleeren Gebäudes ist nichts mehr angeschrieben mit „Yoga“. Ich suche. Es handelt sich um ein Gewerbegebäude mit hohen Räumen und entsprechend langen Treppen. Eigentlich würde ich die Treppen (fast) beschwingt hochhüpfen, aber da ist ja noch meine Yogaausrüstung… Den Yoga-Raum finde ich im obersten Stockwerk bzw. ich sehe viele Schuhe im Korridor stehen und höre die vertraute Stimme der Yogalehrerin. Die Türe ist geschlossen. Ich öffne sie geräuschlos, schleiche geknickt und atemlos hinein, rolle meine Matte aus, setze mich erschöpft hin und werde die nächsten 45 Minuten von wiederkehrenden Hustenanfällen geschüttelt.
Im Status der Yogalehrerin lese ich am Nachmittag, dass sie bereits über eine Fortsetzung nachdenkt…
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