Einer meiner Nachbarn, der in einem der umliegenden Mehrfamilienhäuser wohnt, hat heute Geburtstag.
Die warme Herbstsonne scheint vom azurblauen Himmel und bringt die orangen und roten und gelben Blätter der Bäume zum Leuchten. Ich kann mich nicht sattsehen. Es ist ungewöhnlich mild für einen 16. Oktober. Die Temperaturen werden heute zwanzig Grad Celsius erreichen. Es ist windstill. Vereinzelt lösen sich Blattstiele von den feinen Ästen der Bäume. Die grossen Blätter segeln langsam zu Boden und lösen ein kaum hörbares Rascheln aus, wenn sie sich zu ihren Kollegen kuscheln, die schon haufenweise darauf warten, zu Kompost zu verfallen und mit der Erde nährend zu verschmelzen oder zusammengewischt und abtransportiert zu werden.
Windstill. Der Wind macht keine Geräusche; kein pfeifen, kein toben, kein heulen, kein säuseln. Er weht nicht. Autos und Motorräder brausen auf der nahen Hauptstrasse vorbei. Sonntägliche Ruhe in einer Schweizer Stadt.
Ein Geräusch erreicht meine Ohren, das ich nicht einordnen kann. Stossweise ertönt es. Der Anlasser eines Motors? Nein, das unbekannte Klanggemisch ist weniger kräftig. Das audioverarbeitende Areal meines Gehirns arbeitet mit Hochdruck. Ein neues Geräusch, ich suche nach einem Wort, das es beschreiben könnte. Erfolglos.
Auf dem Parkplatz, zwischen den Autos, entdecke ich einen Mann. Glückselig lächelnd, einen Akku am Rücken, von dem ein Schlauch wegführt; mit kräftiger Hand hält er das anschliessende Rohr und vertreibt farbenfrohe Herbstblätter.
Ein vertrautes Bild, doch bis heute wusste ich nicht, dass es die Laubbläser auch in Akkuausführung gibt. Ich kannte nur die Benzinmotoren. Die lassen sich nicht einfach mit dem Kippen eines Schalters in Betrieb setzen. Sie verlangen nach Kraft, damit sie ihre Arbeit aufnehmen und blasen oder saugen dann ununterbrochen, fordernd, störend. Vielleicht kennt mein Nachbar die Funktion „Dauerbetrieb“ noch nicht oder glaubt ernsthaft, dass die Zuhörerin es schätzt, wenn er den Elektronikschalter rhythmisch drückt und loslässt.
Ich suche im Internet nach „Laubbläser Vergleich“. Je leiser die Geräte, desto schlechter ihre Platzierung. Das macht Sinn, die Geräte werden ja nicht von den Zuhörenden beurteilt sondern von jenen, die sie betreiben. Das Werkzeug meines Nachbarn hat sicher eine ganz schlechte Platzierung.
Meine Gedanken wandern zurück in meine Kindheit und ich suche im Internet nach „Laubrechen“. Ob es das noch gibt? Diese Besen mit Metallkrallen, die die Erde unter den Blättern sanft kraulten. Ja, es gibt sie noch, mittlerweile aus Kunststoff, in verschiedenen Farben und auch sonst in unterschiedlichen Ausführungen. Es wird beschrieben, dass sie gleichzeitig mit dem Sammeln von Blättern den Boden belüften und unerwünschte Unkräuter entfernen.
Ich bin mir sicher, dass mein Nachbar heute Geburtstag hat und sich gestern im Gartencenter ein Geschenk mit Motor aussuchen durfte. Auch ich hätte nicht warten können mit dem Ausprobieren, bis der Sonntag vorbei ist. Also lasse ich ihn gewähren, trotz Störung der Sonntagsruhe. Ich kenne ihn übrigens nicht und habe ihn bis heute auch nicht wahrgenommen. Auf diesem Weg: Herzlichen Glückwünsch und weiterhin viel Freude.
Vielen Dank allen, die unsere Wege und Strassen professionell von Laub befreien und damit die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden erhöhen und sicherstellen, dass alle Wasserabflüsse frei sind. Besonderen Dank jenen, die sich mit den Bedürfnissen der Flora und Fauna bezüglich Laub auseinandersetzen, sich des Schadens, den Laubsauger und-bläser anrichten bewusst sind und ihn bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
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