Er war in sich eine Zusammenfassung einer unvergleichlichen Karriere eines unvergleichlichen Sportlers. Dieser letzte Wettkampf.
Die Präzision einer seiner Schläge, die uns – für einmal unabsichtlich – ein letztes Mal eine unerklärliche Ball-Flugbahn zeigte. „Es erscheint immer unmöglich, bis es jemand getan hat.“ Dieses Zitat von Nelson Mandela gilt auch im Sport. Die Wettkämpfe, die Federer bestritt, wurden gezählt, sogar die Anzahl Games. Jeder Rekord wird geführt. Ob jemand gezählt hat, wie oft im Zusammenhang mit seinen sportlichen Leistungen jemand sagte: „Das ist unmöglich“, nachdem Federer bereits bewiesen hatte, dass es möglich ist? Am Anfang jedes Erfolgs steht die Vorstellung, dass es erreichbar ist, ob es erklärbar ist oder möglich erscheint, ist dabei unerheblich.
Das Teamwork eines Doppels innerhalb eines Mannschaftsturniers, das stellvertretend dafür steht, dass ein Einzel-Spieler kein Einzelsportler ist. Es kann uns bewusst machen, dass es immer, auch beim Amateur-Sportler andere Menschen braucht, die an der Leistung mitbeteiligt sind: Schuhhersteller, Sockenproduzenten, Sportgeräteentwickler, Ernährungsforschende usw.
Das verschmitzte Lachen, das bei den Empfangenden einen Moment lang Sorgen und Nöte verdrängen und Glücksgefühle hervorrufen kann.
Das Poker-Gesicht, das die Überlegungen zum Spiel verbirgt. Darf man als Zuschauende noch atmen, wenn er so guckt? Darf man sich bewegen, wenn er seinen Blick auf etwas richtet, das wir nicht sehen können? Etwas essen oder trinken? Oder könnte das das Spiel – aus unserer Sicht – ungünstig beeinflussen? Wie war das doch gleich mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings, der auch noch tausende Kilometer entfernt wirkt?
Sein Ärger über nicht ideal gespielte Bälle, die auch wir nicht unkommentiert lassen konnten. Waren wir nachsichtiger? Während wir dabei noch Fortuna, die Glücksgöttin anflehten, hatte er bereits wieder das Poker-Gesicht aufgesetzt. Was passierte hinter diesen dunkelbraunen, bewegungslosen, strengen Augen, die sich dann jeweils fast hinter seine Brauen zurückzogen?
Doch dann etwas Neues, etwas das wir nicht wahrhaben wollten. Kein „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ mehr. Das Zitat, das gemäss Internet Joseph „Sepp“ Herberger, einem deutschen Fussballtrainer zugeschrieben wird, gilt nicht mehr. Fertig.
Es folgt das letzte Platzinterview mit dem Dank von Federer an alle, die irgendetwas zu seiner Karriere beigetragen hatten. Auch mir dankte er, indem er allen seinen Fans dankte.
Es war auch für uns ein besonderer Lebensabschnitt. Er hat während dieser Zeit wesentlich mehr Zeit mit Tennis verbracht, als wir Fans. Wir haben unsere Aufgaben wahrgenommen und durften uns viele Jahre lang Auszeiten nehmen und in seinen Spielen versinken. Wie waren wir doch flexibel. Wie oft gelang es uns, ganze Matchs konzentriert zu verfolgen, auch wenn nie absehbar war, wie lange sie dauern würden und auch, wenn sie unsere ganzen Freizeitprogramme vollkommen auf den Kopf stellten.
Gemeinsam tauchten wir ein letztes Mal und weit nach Mitternacht ins Tränenmeer. Tränen des Glücks, der Freude über das Erreichte, des Abschieds. Jedes für sich und doch alle gemeinsam. Wäre die Live-Übertragung nicht abgebrochen worden, sässen wir immer noch vor unseren Geräten. Hätte Federer das Stadion nicht verlassen, wären wohl auch die Besucher noch dort.
Den Schlusssatz zu meinem Text entlehne ich Bär Paddington, weil es mich immer noch berührt, wie er sich im Namen unzähliger Menschen bei der Queen für ihre Leistung bedankte: Roger Federer „thank you – for everything.“
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