Sägemehl und Yogamatte

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2022 ist Geschichte und ich weiss jetzt, wofür die Schraubübungen im Yoga gut sind. Sollte jemand versuchen, mich auf den Rücken zu werfen, muss ich meinen Körper einfach schrauben und erhalte so die Gelegenheit, den Kampf fortzusetzen. In geschraubter Position ist es nicht möglich „mit dem Rücken ganz oder bis Mitte beider Schulterblätter gleichzeitig den Boden zu berühren“, wie es gemäss dem Technischen Regulativ, Ausgabe 2020, des Eidgenössischen Schwingerverbands nötig ist, damit ein Gang entschieden ist. Ich habe via Livestream beobachtet, wie sich die im Sägemehl liegenden Schwinger mittels schrauben des Körpers vor dem Verlieren retten.

Als ich zu meiner ersten Yogalektion fuhr, kannte ich den Weg nicht und ich hatte vergessen, das Navi bei Fahrtbeginn zu programmieren. Ich fuhr nach Gefühl, was in meinem Leben immer wieder zu Frustrationen führt. Meine erste Yogalektion stand unter einem guten Stern. Nein, falsch, es war kein Stern. Es war eine Frau, die mir entgegenkam, gekleidet in Leggins und T-Shirt mit einer unter den Arm geklemmten Yogamatte. Ich hielt an, fragte sie, ob sie auch ins Yoga gehe. Ja, sie auch und ich bat sie einzusteigen und mir den Weg zu weisen. Das machte sie bereitwillig. Warum sie spontan Vertrauen fasste und in mein Auto einstieg? Das muss an meiner sportlichen Ausstrahlung liegen.

Für die zweite Lektion fuhr ich zu spät los. Der Drucker im Büro hatte noch nach einer Ersatzpatrone verlangt und war erst danach bereit, den grösseren Druckauftrag fertigzustellen. Als ich endlich im Auto sass, programmierte ich das Navi. Es verlangte, dass ich an der Abzweigung vorbeifahre, die ich eine Woche vorher intuitiv gewählt und die mich ins Quartier des Yogaraums geleitet hatte. Da mein Orientierungssinn unterentwickelt ist, widerspreche ich dem Navi selten. Es war bei der bekannten Abzweigung bereits klar, dass nur ein Wunder mich noch pünktlich ins Yoga bringen könnte. Mein Navi entschied sich für das Gegenteil und wählte eine Route, die in einem riesigen Bogen -vielleicht auch – zum Lokal geführt hätte. Nachdem ich mich mehrere Minuten an seine Vorgaben gehalten hatte und mich dabei immer weiter vom Zielort entfernte, drehte ich um und wandte mich an meinen Instinkt. Dieser leitete mich zuverlässig an den Ort, wo ich eine Woche zuvor mein Yogagspändli getroffen hatte. Aber dann kamen sich Intuition und Verstand ins Gehege. Je mehr Quartiersträsschen ich kennenlernte, desto intensiver wurde mein Frust. Er entwickelte sich zu einer solchen Intensität, dass ich kurz davor war, beim Navi auf „nach Hause“ zu tippen. Mein Yogaehrgeiz widersprach: Atme, lass dich führen, lass es geschehen… und ich fand das Lokal irgendwie.

Als ich den Yogaraum betrat, war die Kursleiterin daran, gut verständliche Theorie zum Atmen und seinen positiven Auswirkungen auf unseren ganzen Organismus zu vermitteln. Ich verpasste einen Teil davon, war aber noch rechtzeitig da, um mich einzurichten und ruhiger zu werden, bevor nach den Atemübungen jene folgten, die mich wieder an meinem Entscheid zweifeln liessen, den Netflix-Abend mit Yoga zu ersetzen.

Wie beim ersten Mal, gefiel mir die letzte Übung am besten: Auf dem Rücken liegen, die Augen schliessen, den ganzen Körper entspannen, die sanft durch den Raum schwebende Musik geniessen und einfach da sein. Das, was ein Schwinger unter keinen Umständen will, fällt mir am Leichtesten. Ich bleibe wohl besser beim Yoga.


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