Schnupperlektion

Duden schreibt, bei schnuppern handle es sich um in kurzen, leichteren Zügen durch die Nase die Luft einzuziehen, um einen Geruch [intensiver] wahrzunehmen. Das Verb werde meistens im Zusammenhang mit Tieren verwendet.

Warum sprechen wir von Schnupperlektion, wenn ein Mensch etwas Neues ausprobieren will? Soll der Mensch den Geruch der anderen Gruppenmitglieder kennenlernen? Soll er diesen Geruch intensiver wahrnehmen, um eine bessere Entscheidungsgrundlage zu haben, ob er sich auf das Neue einlassen soll? Oder ist Schnupperlektion eine Aufforderung an den Mensch, während er etwas Neues kennenlernt, die eigenen Ausdünstungen besonders aufmerksam wahrzunehmen? Wie sollen die Düfte verstanden werden? Wenn sie intensiver sind als sonst, ist das gut oder schlecht, spricht es für oder gegen das Neue? Oft wollen wir, dass etwas in Bewegung kommt bzw. dass sich etwas verändert, wenn wir etwas Neues ausprobieren. Eine Veränderung kann dazu führen, dass sich auch die Ausdünstung verändert. Fazit: Ich verstehe nicht, warum wir von Schnupperlektion sprechen.

Ich wage zu behaupten, dass der Begriff Schnupperlektion falsch sein kann.

In der vergangenen Woche besuchte ich die erste Yogalektion in meinem Leben. Sie war als Schnupperlektion ausgeschrieben. Wechselatmung mit Zeige- und Mittelfinger auf drittem Auge. Ich bin Brillenträgerin. Im Raum konnte ich mich kaum mehr orientieren, weil meine Finger immer wieder über die Gläser glitten und ich nur noch Nebel sah. Luft bekam ich fast keine, weil Sitzhaltung, Finger, links, rechts und Nasenlöcher meine ganze Aufmerksamkeit verlangten. Wie sollte ich da noch schnuppern?

Beine in eine Richtung, Oberkörper in die andere, Arme auch noch versorgen und den Kopf drehen. Ich schaffte das und kurz bevor ich ohnmächtig wurde, erreichte mich die freundliche Stimme der Yogalehrerin, die den Atem erwähnte. Doch, wie – um Himmels Willen – soll ich atmen, wenn mein Körper in Schraubposition ist? Schnuppern?

Mir kamen Gedanken ans Sterben. Ich überlegte, dass es wohl weniger ums Tot sein geht, sondern wahrscheinlich ums Loslassen von Überzeugungen und Erinnerungen, die keinen Nutzen mehr haben. Man soll während der Yogaübungen nicht denken, also liess ich die Gedanken ziehen.

Die Lektion, die mir erteilt wurde, dauerte 95 Minuten. Ich habe mich am Schluss definitiv angemeldet. Das muss eine Folge des Sauerstoffmangels gewesen sein. Eine der vielen positiven Auswirkungen von Yoga sei eine bessere Beweglichkeit, wird behauptet. Meine begann sich etwa zwei Stunden nach Ende der ersten Lektion einzuschränken. Meine Muskeln wurden von unzähligen Katern in Beschlag genommen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, mich auch an den folgenden Tagen regelmässig an meine engagierte Teilnahme an der Yoga-Schnupperlektion zu erinnern.


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Ein Kommentar zu “Schnupperlektion

  1. Definitiv eine der besten Beschreibungen einer Yoga-Schnupperstunde, die ich bisher gelesen habe und in Kenntnis der Autorin stellen sich sehr viele innere Bilder ein, die mich nun lächelnd durch den Tag begleiten…Danke dafür 🙂

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