Du hast dem Bild den Titel „Verdecktes Muster“ gegeben. Ich sehe einen schmalen blauen senkrechten Streifen an der linken Bildseite. Der Rest der Fläche ist hälftig vertikal in orange und blau unterteilt. Ich erkenne, dass es kein reines Orange und kein reines Blau ist, beides besteht aus verschiedenen Farben und ist von Haarlinien durchzogen. Das Orange deckt den Hintergrund viel intensiver, als das Blau. Der blaue Teil ist von farbigen senkrechten Pinselstrichen durchzogen, der orange Teil von roten.
Der Titel des Bildes verrät, dass sich unter dem sichtbaren Gemälde ein anderes Bild befindet und du hast mir das auch erzählt. Maler*innen malen ein Bild und manchmal übermalen sie es, früher oder später.
Mit einem Text kann ich das nicht. Ich kann Worte in eine andere Reihenfolge bringen; zusätzliche Ausdrücke einfügen, wie Malerinnen weitere Farben verwenden können. Aber ich kann einen Text nicht überschreiben, so dass der ursprüngliche Text später grundsätzlich sichtbar gemacht werden könnte, wie das bei Bildern in aufwendigen Verfahren möglich ist. Würde ich einen Text überschreiben, wäre beides nicht lesbar, weder der ursprüngliche, noch der neue Text.
Die Musik kennt das Quodlibet. Dabei werden zwei voneinander unabhängige Melodien zu einem gemeinsamen Tonsatz kombiniert und erklingen gleichzeitig. Es sind beide Melodien zusammen hörbar. Bei einem übermalten Bild sehe ich das ursprüngliche Bild nicht mehr. Es bleibt mir verborgen.
Wenn ich mich schminke, übermale ich mich auch. Es ist aber von meinem natürlichen Aussehen trotzdem noch viel sichtbar; beim übermalten Bild nicht. Repräsentiert ein übermaltes Bild unsere Persönlichkeit? Es gibt eine Ebene, die ich sehe; Ebenen, die sich nach kürzerer oder längerer Zeit zeigen und Ebenen, zu denen ich keinen Zugang habe, nicht einmal bei meiner eigenen Persönlichkeit. Das Abtragen der oberen Schichten erfolgt nicht mit komplizierten technischen Verfahren, sondern durch das Kennenlernen, das vertraut Werden miteinander.
Der Mensch kann auch ein Quodlibet sein. Ich höre, was eine Person erzählt und gleichzeitig nehme ich auch die Geschichte wahr, die im Hintergrund läuft.
Aber ein Text? – Ich erzähle eine Geschichte, indem ich meine Gedanken niederschreibe. Manchmal, wenn ich eine Geschichte später nochmals lese, entdecke ich Aussagen, die mir beim Verfassen nicht bewusst waren. Und die Lesenden verstehen das, was ihre Lebensgeschichte, ihre Erfahrung ins Licht rückt. Sie lesen in meinen Texten Dinge, die mir nicht bewusst sind, weil meine Geschichte zu ihrer Geschichte wird.
Ich schaue nochmals auf dein Gemälde. Ich sehe das, was du nicht siehst. Und du siehst das, was ich nicht sehe.

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