Die Hausaufgabe meiner Schreib-Weiterbildung lautete, den Text „Ohne Titel“ aus dem Schreib-Lehrbuch „Die Überarbeitung“ von David Michael Kaplan zu verbessern.
Auf dem Rücksitz zanken sich die beiden Jungs. Offenbar hat der ältere ins Malbuch des jüngeren gekritzelt, was diesen – verständlicherweise – ärgert.
Ich drehe den Kopf zu meiner Frau und frage: „Kannst du sie nicht zur Ruhe bringen? Ich bin am Fahren.“ Sie starrt mich nur an. Ohne Vorwarnung strecke ich meine rechte Hand zwischen den Vordersitzen nach hinten und schlage, was ich blindlings erreichen kann. Ich erwische ein Knie. Meine Hand schmerzt vermutlich mehr als das Knie, aber einer der Jungs schreit auf. Wahrscheinlich ist er erschrocken. „Schlag sie nicht“, herrscht mich meine Frau an. „Seid ruhig“, befehle ich unseren Söhnen, „sonst halte ich an und dann tut es richtig weh, beiden! – Habt ihr mich verstanden?“ Sie antworten nicht. Ihre Mutter kritisiert mich: „Du bist so tyrannisch. Immer musst du gleich schlagen.“
In den Innenspiegel schauend, empfehle ich dem älteren Sohn: „Zähle die Nummernschilder.“ Jetzt antwortet er prompt: „Das ist blöd.“ Der jüngere fragt: „Papa, machst du das Radio an?“ Ich möchte einfach den Geräuschen des Autos und der Strasse lauschen und erkläre: „Ich will das Radio nicht einschalten. Lasst uns ein bisschen Ruhe und Frieden haben, bitte.“ Doch schon hat meine Frau das Radio in Betrieb gesetzt. Eine Heavy-Metal-Band hämmert auf mich ein. Eines unserer Kinder erkennt den Song sofort: „Hey, Twisted Sister.“ und sein Bruder hüpft auf seinem Platz auf und ab. „Stopp! Das halte ich nicht aus!“, wehre ich mich. Wieder nimmt die Mutter ihre Söhne in Schutz: „Du bist so streng.“ „Nein, bin ich nicht“, widerspreche ich, „ich will nur nicht diesen Mist hören.“ Ich drücke auf den Sender-Sucher. Ich fühle mich bereits erschöpft und die Reise, von der wir uns so viel erhofft hatten, hat eben erst begonnen. Ich schalte das Radio aus.
Meine Frau tröstet unsere Söhne mit Schokoriegel, die sie aus der Kühltasche gekramt hat, die im Dunkeln zwischen ihren Füssen steht. Ich kann mich nicht zurückhalten: „Sie sollten jetzt nichts Süsses essen. Wir halten bald zum Mittagessen.“ Sie entgegnet: „Wir hatten doch vereinbart, das wir während der Fahrt essen.“ Ja, stimmt, sie hat Recht, denke ich, sage aber nichts. Stattdessen verlange ich kurze Zeit später nach einem Sandwich. Meine Frau gibt mir ein Thunfisch-Sandwich. Das Brot schmeckt alt. Ich lasse meinen Blick von der Fahrbahn auf das Essen schweifen und entdecke blaugrünen Schimmel auf der Brotkruste. „Dieses verdammte Brot ist schimmelig“, schimpfe ich lautstark. „Schau dir das an!“ und will ihr das Sandwich zurückgeben. Sie zuckt mit den Schultern und entgegnet gleichgültig: „Na und?.“ „Wie, na und? Es ist Schimmel!“ „Dann iss ihn eben nicht. Kratz ihn einfach runter.“ Ich werde noch wütender: „Das Brot ist verschimmelt! So was gibst du uns zu essen?“ „Hör auf“, verlangt sie ruhig. Ich lasse die Fensterscheibe auf der Fahrerseite herunter und werfe das Eingeklemmte hinaus. Der Fahrtwind klatscht einen Teil an die Heckscheibe. „Du hast Thunfisch an den Fenstern, Papa“, stellt mein Ältester nüchtern fest.
Ich schalte das Radio wieder ein und drücke den Sucher. Er hält bei der Übertragung eines Baseballspiels. Das passt. „Hier“, sage ich, „hören wir uns das an.“ „Ich habe keine Lust auf Baseball“, sagt der jüngere und der ältere stösst einen übertriebenen Seufzer aus. „Wir sind in Amerika und Baseball ist das grosse amerikanische Spiel“, belehre ich meine Söhne. Ich bereue gerade, dass ich nie mit ihnen Baseball gespielt habe. Sie zeigten kein Interesse daran, trotzdem, ich hätte es tun sollen. „Können wir nicht etwas anderes hören, Papa?“, fragt der ältere sanft. Doch plötzlich erscheint es mir sehr wichtig, dass wir uns den Baseballspiel-Kommentar anhören und ich entscheide: „Nein. Wir hören uns das an.“ Sie seufzen.
Meine Frau erklärt: „Ich hab genug von dir.“ Ich schweige. Sie fährt weiter: „Wenn du die ganze Reise deinen Frust an uns auslässt, wäre es besser, umzukehren.“ Ich schliesse kurz die Augen, dann bremse ich und fahre auf den Pannenstreifen. „Was soll das?“, fragt sie. Ich entgegne: „Warum steigst du nicht einfach hier aus?“ Sie starrt mich verständnislos an. Ich lehne mich über ihren Schoss und öffne die Autotür auf der Beifahrerseite. Dann fordere ich sie auf: „Na los, mach schon! Steig aus!“ Ich drücke sie Richtung Türe. „Lass das!“, erwidert sie barsch. „Papa“, höre ich meine Söhne mit bettelnder Stimme sagen. Ich stosse meine Frau noch heftiger. „Raus!“, befehle ich laut. „Du Bastard!“, schreit die Mutter meiner Söhne. Sie schlägt mit ihrer Faust auf meinen rechten Arm. Ich greife nach ihrer Hand und wir ringen miteinander. Ich versuche, sie aus dem Auto hinauszudrücken, sie schlägt auf mich ein.
„Hört auf, hört auf!“, schreit unser älterer Sohn. Der Kleine fängt an zu weinen. Ich halte inne und weise meine Frau an, es mir gleichzutun. Ihre Schläge werden schwächer, dann hängen ihre Arme schlaff herunter. Sie starrt vor sich hin. Ein Sattelschlepper donnert vorbei. Sein Fahrtwind bringt unseren Wagen zum Beben. Nochmals beuge ich mich über die Beine meiner Frau und schliesse die Tür wieder.
„Seid ruhig“, wende ich mich an die Jungs. „Es ist vorbei.“ Ich stelle den Blinker, drücke aufs Gaspedal und fahre zurück auf die Strasse. Ausser dem Sportreporter redet niemand mehr. Vom Rücksitz ist hin und wieder ein leises Schluchzen zu hören. Hoffentlich hat es an der nächsten Tankstelle einen Wasserkübel mit einem Fensterreinigungsschwamm und Papier zum Trocknen.
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