Ich tippe mich durch den Tag. Einen Auftrag nach dem anderen arbeite ich ab. Das Telefon klingelt. Ich beantworte eine Frage, verbinde den/die Anrufende/-n weiter oder nehme einen Auftrag entgegen. Ich tippe weiter. Jemand kommt in mein Büro. Ich beantworte eine Frage, verweise an eine andere Stelle oder nehme einen Auftrag entgegen. Ich tippe weiter. Ich nehme an einer Sitzung teil. Ich beantworte eine Frage, beteilige mich an einer Diskussion oder nehme einen Auftrag entgegen. Ich tippe weiter.
Ich wechsle ins Outlook, weil ich eine E-Mail schreiben oder im Kalender einen Termin eintragen will. Weil ich schon einmal da bin, überfliege ich die E-Mails, die mittlerweile eingegangen sind. Um mich von meinen anderen Aufgaben nicht zusätzlich ablenken zu lassen, habe ich bei den Outlook-Optionen zu „Beim Eintreffen neuer Nachrichten…“ keine Haken gesetzt. Weder soll ein Ton wiedergegeben werden, noch soll sich der Mauszeiger kurzzeitig verändern. Das Briefumschlagssymbol in der Taskleiste will ich auch nicht anzeigen lassen und auch keine Desktopbenachrichtigung will ich. Ich schaue mehrmals pro Tag nach, was sich im Posteingang tut und tippe weiter.
Doch dann! Jetzt gerade unerwartet! Nicht das erste Mal! Immer wieder! Ich werde plötzlich aus meiner produktiven Routine gerissen. Eine E-Mail zwingt mich anzuhalten und eine neue Situation sorgfältig zu analysieren und daraus die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Ausrufezeichen (auch Ausrufungszeichen oder Ausrufzeichen): „Satzzeichen in Form eines senkrechten Strichs mit einem Punkt darunter, das nach Ausrufe-, Wunsch- und Aufforderungssätzen sowie nach Ausrufewörtern steht.“ So beschreibt es der Duden.
Ich habe noch nie eine E-Mail erhalten, die mit blauem Pfeil nach unten, also „Wichtigkeit: niedrig“ gekennzeichnet war. Wer, um Himmels Willen, sollte sich die Mühe machen eine E-Mail zu verfassen, deren Wichtigkeit niedrig ist? Die kann man ja gleich weglassen. Es gibt ja schliesslich Wichtigeres.
Andererseits gibt es E-Mail-Verfassende, die ihre Nachrichten mit einem roten ! kennzeichnen, also „Wichtigkeit: hoch“. Was geht in diesen Menschen wohl vor, unmittelbar bevor sie auf das rote ! klicken? Ist ihnen die Nachricht besonders wichtig? Ist ihnen wichtig, dass die Empfangenden sehen, dass der/die Absendende diese Outlookfunktion kennt, findet und aktivieren kann? Ist ihnen wichtig, dass den Empfangenden bewusst wird, dass sie auserkoren sind, eine E-Mail von jemandem zu empfangen, der wichtige E-Mails schreibt? Hilft ihnen das rote ! beim Aufräumen ihres Ordners „gesendete“ Nachrichten? Oder zählen sie am Ende ihres Dienstes jeweils, wie viele wichtige und wie viele unwichtige Mails sie verschickt haben?
Ich tippe mich durch den Tag – Details des Tagesablaufs siehe weiter oben. Ich besuche den Posteingang, wo mich eine oder mehrere Mails mit rotem ! erwarten. Ich erschrecke. Ausrufezeichen lassen meinen Blutdruck immer nach oben schnellen. Wenn sie dann noch rot sind, braucht es schon fast den notärztlichen Dienst. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, verbinde mich via meiner Fusssohlen wieder bewusst mit Mutter Erde und suche in meinem Innern nach dem satzzeichenlosen, beruhigenden Raum. Um mich vor dem Einfluss des roten ! zu schützen, habe ich schon beim ersten Schreck die Augen geschlossen. Ich öffne sie nun wieder und wende mich – leicht der Bürowirklichkeit entrückt – erneut dem Posteingang zu.
Geht der rote-!-Nachrichten-sendende-Mensch davon aus, dass ich den Inhalt seiner Nachricht nicht selber und selbständig in meiner Pendenzenliste einordnen kann? Woher weiss der Mensch, wie wichtig seine Nachricht in meinem Posteingang ist? Ist sich der rote-!-Nachrichten-sendende-Mensch bewusst, dass es unter seinen Mitmenschen noch andere, ausser ihm selbst, gibt, die sich des roten Ausrufezeichens mit besonderer Freude und oft bedienen?
Wie soll ich mit diesen roten !-Nachrichten umgehen? Was mache ich mit den anderen E-Mails, deren Wichtigkeit, wie man meinen könnte, weder hoch noch niedrig ist?
Ich blende die roten ! aus meiner Wahrnehmung aus.
Ich behandle alle Mails gleichwertig: Absender anschauen, ergibt eine erste Übersicht. Ich kenne ja meine Pappenheimer. So werden einige Nachrichten mit Ctrl Alt Del sogleich auf Nimmerwiedersehen gelöscht. Bei den Mails, die diese erste Selektion unbeschadet überstanden haben, lese ich den Betreff. Ein paar weitere fliegen hinaus. Zum Teil dürfen sie sich noch einige Zeit im Ordner gelöschte Nachrichten tummeln. Bei den Mails, die jetzt noch erwartungsfroh im Posteingang ihrer Zukunft harren, lese ich den ganzen Nachrichtentext und priorisiere sie. Alle gleichwertig, also, fast gleichwertig: Jene, die rot leuchten, müssen meistens länger warten bis sie abgearbeitet werden als jene, die sich unauffällig einordnen.
Ich tippe weiter und überlege, dass es schön wäre, wenn dieser Text trotz des aggressiven Titels gelesen würde.
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