„Karotten sind nicht besonders stark und konkurrenzfähig und sollten in der Jugendentwicklung daher unbedingt von Unkraut befreit werden.“
Dieser Satz macht mich ziemlich betroffen. Das Rüebli, das sich so kräftig anfühlt; das sich kaum von Hand brechen lässt; das eine Spannung hat, die die Energie aus den Nährstoffen, die sich im Wasser und der Erde tummeln, beim Abbeissen erlebbar macht, soll nicht besonders stark sein? Nicht konkurrenzfähig?
Mit meinen rüebliversorgten Augen lese ich den Satz nochmals: „Karotten sind nicht besonders stark und konkurrenzfähig und sollten in der Jugendentwicklung daher unbedingt von Unkraut befreit werden.“ Das kommt mir bekannt vor. Es ist vorteilhaft, wenn man während der Pubertät guten Einflüssen ausgesetzt ist und sich an positiven Vorbildern orientieren kann. Dann kann man eher gross und stark und erfolgreich werden.
Für mein Rüebli gilt offenbar dasselbe.
„Rüebli, die aus der Erde gezogen wurden, können kaum mehr erfolgreich eingepflanzt werden“. Ein ausgeschlagener Zahn kann, sofern er nicht ausgetrocknet und die Wurzelhaut unverletzt ist, wieder eingesetzt werden. Bei einem Rüebli ist das offenbar nicht möglich. Demnach ist sorgfältiger Umgang mit dem Rüebli wirklich geboten; ja, mit den Zähnen trotzdem auch.

In den Doldenblüten, die im zweiten und gleichzeitig letzten Lebensjahr eines Rüeblis entstehen können, sind die Rüeblisamen enthalten. Damit sich die Rüeblikinder gut entwickeln können, brauchen sie Platz. Man sollte die Samen mit zwei bis vier Zentimeter Abstand in die Erde legen. Es gibt Menschen, die brauchen auch Abstand, andere gedeihen bestens, wenn sie verdichtet wohnen.
Meinem rohen Rüebli kann ich unter Einsatz meiner Schneidezähne oder eines Messers den Mantel ausziehen. Im Internet lese ich, dass sein Kern „Holz“ oder „Herz“ genannt wird. Ein Herz, das sich über die ganze Länge des Rüeblis zieht. Das Rüebli selbst ist eine Wurzel und aus ihm wachsen weitere Wurzeln. Die sieht man wunderbar, wenn man das Herz aus dem Mantel bricht. Die Wurzelhaare stossen sich durch den Mantel hindurch und versorgen das Rüebli mit Wasser und Nährstoffen, wenn sie den Mantel überwunden haben und in die Erde dringen können. Den Mantel nennt man eigentlich Rinde, aber ich finde es passender, wenn das Herz von einem Mantel beschützt wird.
Mein liebes Rüebli, du liegst seziert zwischen meiner Computertastatur und dem Monitor. Schon bevor ich dich in deine Einzelteile zerlegt hatte und an dir herumknabberte, entsprachst du nicht der Schweizerischen Karottennorm. Deine Kollegen und du lagen im Laden in einer separaten Gemüsekiste. Ihr seid mit „2. Wahl“ angeschrieben und ihr seid günstiger als eure normalen Artgenossen. Zu lang, zu kurz, zu dick, mehr als ein Bein, diese allenfalls übereinandergeschlagen oder sogar ineinander verschlungen, Hautrisse, tiefe Furchen, Verfärbungen: Im Herzen sind alle Rüebli gleich und für mich bist du die erste Wahl.
Quellen:
https://www.plantura.garden/gemuese/karotten/karotten-pflanzen. Zugriff 07.05.2022
https://www.biologie-seite.de/Biologie/Karotte. Zugriff 08.05.2022
https://www.qualiservice.ch/uploads/normen2017/de/Karotte.pdf. Zugriff 08.05.2022
Entdecke mehr von Geschichten
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.