Gabriel

Florian Meimberg@tiny_tales 28.01.2011: „Behutsam setzte Dr. Perez das Skalpell an. Mit einem feinen Schnitt durchtrennte er das Gewebe. Grelles Tageslicht flutete herein.“

Meine Geschichte dazu:

Gabriel war am 2. Januar um 4.34 Uhr gezeugt worden. Wie konnte man nur. Nach einem solchem Fest. Gabriel hatte die Silvester-Party beobachtet, natürlich vor allem die beiden, die er sich als seine Eltern ausgesucht hatte. Er war sich nicht mehr sicher, ob er sich für die richtigen entschieden hatte. Er hatte sich die letzten Stunden bevor sein Vater seine Spermien auf die Reise schickte anders vorgestellt, ernsthafter, klassische Musik, Gespräche über die gemeinsame Zukunft. Aber gewisse Kompromisse musste man eingehen, wenn man wiedergeboren werden wollte. Die Zeit in der geistigen Welt war gut, aber er fühlte sich bereit für einen weiteren Einsatz auf der Erde. So hatte er seinen Antrag eingereicht und dabei alle Regeln beachtet, die eingehalten werden mussten, damit ein Antrag überhaupt eine Chance hatte, berücksichtigt zu werden.

Man konnte nie zweimal das gleiche Leben leben. Mindestens fünf Eigenschaften mussten von den bisherigen Leben abweichen. Gabriel war schon 554 Mal auf der Erde gewesen, aber es war ein leichtes, sich ein neues Leben zu kreieren. Jede Seele hat ihr eigenes Archiv. Wenn man sich auf das neue Leben vorbereitet, werden im Bestellkatalog nur jene Kombinationen von Eigenschaften angezeigt, die man noch nicht gelebt hatte. Der Entscheid für die neue Biographie ist jeweils rasch gefällt. Auf der Erde verbringt man ja maximal 120 Sommer, bevor man zurückkehrt und von den anderen Seelen mit einem grossartigen Fest begrüsst wird. Es lohnt sich also gar nicht, sich darüber gross Gedanken zu machen. Gabriels Bestellung wurde, wie gewohnt, speditiv verarbeitet und auf Anhieb gutgeheissen.

Er hatte dieses Mal „komplikationslose Schwangerschaft“ angekreuzt sowie „beide Eltern freuen sich“ und „ein älteres Geschwister“. Es war lustig zuzuhören, was die Eltern mit seinem älteren Bruder über ihn plauderten. Und er mochte es, wenn das kleine Patschhändchen über den immer grösser werdenden Bauch seiner Mutter strich.

Da er angekreuzt hatte, dass das Becken seiner Mutter zu eng sein würde, als dass sein Kopf durchkommen würde, hörte er, wie bei einem Schwangerschaftsuntersuch festgelegt wurde, dass er am 7. Oktober via Kaiserschnitt das Licht der Welt erblicken würde. Er lächelte. Sie meinten, sie hätten es festgelegt, dabei gehört das zur Bestellung. Das Geburtsdatum ergibt sich aus der Biographie, die man leben will, das ist nicht Zufall und wird auch nicht auf der Erde berechnet.

Seine Mutter ging am 6. Oktober ins Spital, sein Vater begleitete sie. Sein Vater übernachtete dann auch gleich im Spital, weil seine Mutter doch recht nervös war. Gabriel freute sich auf das neue Leben und er war voll entwickelt. Am 7. Oktober waren sie um 10 Uhr im Gebärsaal bereit für die Geburt.

Behutsam setzte Dr. Perez das Skalpell an. Mit einem feinen Schnitt durchtrennte er das Gewebe. Grelles Tageslicht flutete herein. In diesem Moment vergass Gabriel seine Bestellung, die er für sein neues Leben gemacht hatte. Dr. Perez hob seinen Kopf und dann seine Schultern, so dass er seine Eltern schon mal anschauen konnte. Dann hob er ihn geübt aus der Gebärmutter in die Arme seiner Mutter. Sein 555. Leben hatte soeben begonnen. Er wird es so leben, wie er die 554 Leben zuvor gelebt hatte: Wie wenn seine Zukunft offen wäre. Er würde sich mit einigen Entscheidungen in seinem Leben schwer tun und dabei ja dann doch das machen, was er schon beim Antrag für die Wiedergeburt angekreuzt hatte.


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