Eine Reportage. Teil 4 von 4.
Die Mitarbeitenden des Werkhofs dürfen freitags um 16 Uhr Feierabend machen. Wir fahren zurück zum Werkhof. Die Kehrmaschinen werden täglich vor Feierabend gewaschen, die Kehrbehälter auch von innen, und die Schmierbalken und Gelenke werden gefettet. Es ist kalt heute. Sandra erzählt vom Kuhnagel. Bevor sie in die Kehrgut-Sondermüllmulde steigt, von der aus sie den Kehrgutbehälter auswäscht, wechselt sie von ihren warmen Arbeitsschuhen in robuste Gummistiefel. Wir müssen einen Moment warten, weil ihr Kollege, der heute die Elektrokehrmaschine fuhr, diese gerade auswäscht. Sandra macht mich darauf aufmerksam, dass er die Wasserspritze voll im Griff habe. Sie schaffe es regelmässig, dass das Wasser auf sie zurückspritze, ergänzt sie lachend.
Während der Kehrgutbehälter im neunzig Grad-Winkel steht, erklärt mir Sandra die Details des Motorenteils, die jetzt gut sichtbar sind. Der Kehrgutbehälter ist eigentlich gleichzeitig auch Motorhaube. Die Maschinen werden von drei Parteien unterhalten: Den Fahrer*innen, der werkhofeigenen Werkstatt und den Monteuren des Herstellers. Ich staune, dass Sandra die Maschine nicht nur fährt und wäscht, sondern auch Filter wechselt, den Oelstand kontrolliert und auffüllt, die Spitzdüsen wechselt und die entsprechenden Filter sowie weitere Kleinteile ersetzt oder ermittelt, warum etwas nicht mehr korrekt funktioniert, bevor sie die Werkstatt informiert. Sandra ist zudem zuständig für die Kontrolle des Lichts, des Pneudrucks und des Pneuprofils. Den Pneuwechsel nimmt die Werkstatt vor und diese ersetzt bei Bedarf auch Wischarmteile.
Neben der Tageswäsche werden die Maschinen einmal wöchentlich, in der Regel dienstags, mit Shampoo gewaschen. Damit könne die Funktionalität erhöht und die Lebensdauer verlängert werden.
Bevor wir die Kehrmaschine in die Garage zurückfahren, werden der Wassertank und der Kraftstofftank gefüllt; letzterer mit AdBlue. Mindestens eine der beiden Maschinen muss auch nachts und an den Wochenenden jederzeit betriebsbereit sein. Sandra erklärt mir, dass es sein kann, dass die Polizei nach einem Verkehrsunfall den städtischen Reinigungsdienst aufbiete um die Unfallstelle von Scherben und weiteren Verunreinigungen zu räumen.
Als wir zur Garage fahren, treffen wir auf die Arbeitskollegen von Sandra. Die Elektrokehrmaschine ist bereits parkiert. Ich steige aus, Sandra fährt in die Garage. Sie will die Werkzeugkiste, die am Vormittag wegen meinem Besuch aus der Maschine genommen wurde, wieder in die Kabine stellen. Es ist eng und bereits eilen ihr zwei Kollegen zu Hilfe. Die Gruppe geht anschliessend gemeinsam in die Männergarderobe, wo alle ihren Tagesrapport ausfüllen. Die Männergarderobe ist gross und hat viele Spinde, sie ist von aussen direkt erreichbar. Sandras Garderobe befindet sich im Untergeschoss. Sie hat zwei Schränke.
Nachdem sich Sandra umgezogen hat, lädt sie mich zu einem heissen Getränk aus dem Automaten im Pausenraum ein. Für sie sei es ein liebgewordenes Ritual geworden, nach der Arbeit mit den Kollegen noch einen Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen, bevor sie sich auf den Heimweg macht.
Sandra holt nach der Arbeit Luna, ihre vermutlich Chihuahua -Jack-Russel-Terrier-Strassenmischung-Dame, die aus einem Tierheim kam, vom Hort ab. Einen grossen Teil ihrer Freizeit spendet sie zudem dem Pony-Fahrteam Scherrer. Sie begleitet das Team an Turniere und ist zuständig für die Pferdepflege. Sie ist Stallmeisterin, füttert, mistet und streut ein. Sie reinigt das Pferdegeschirr und die Kutsche, montiert Lampen und Nummern. Sie kauft für das Team ein und ist die Turnierköchin.
Dieses Jahr erfüllte sich Sandra zudem einen Kindheitstraum, indem sie die Prüfung für das Führen von Fahrzeugkombinationen aus einem Zugfahrzeug mit einem Gesamtgewicht von mehr als dreieinhalb Tonnen und einem Anhänger mit einem Gesamtgewicht von mehr als 750 kg erfolgreich ablegte (Kategorie CE). Beruflich kann Sandra ihre neuerworbene Kompetenz nur indirekt anwenden, weil die Stadt Frauenfeld, wie sie schmunzelnd sagt – leider – über keinen solchen Lastwagen verfügt (ausser bei der Feuerwehr). Beim Fahrteam Scherrer kann sie nun jedoch auch das Turnierfahrzeug führen, inklusive Ausland, weil sie auch noch das Zertifikat für den gewerbsmässigen Pferdetransport erwarb.
Sandra lädt mich zum Abendessen bei sich zu Hause ein. Ich frage sie nach ihren Wünschen an andere Verkehrsteilnehmende. Dem langsameren Verkehrsteilnehmenden Vortritt gewähren, erwähnt Sandra. Den Blinker immer benutzen, wäre toll. Obwohl das Gesetz nur Tagfahrleuchten vorschreibt, wäre es wünschenswert, wenn alle Fahrzeuge mit Abblendlicht fahren würden. Um die Sicherheit von Menschen und Tieren zu erhöhen, sollten alle Abfälle korrekt entsorgt werden. Von den Hundehalter*innen wünscht sich Sandra, dass sie den Hundekot selber entsorgen. Die Stadt stelle ja alles dafür Notwendige zur Verfügung. Bei Dämmerung und Dunkelheit helle Kleidung zu tragen, wäre ein toller Beitrag an die Sicherheit. Sandra fasst ihre Wünsche so zusammen: Mehr Rücksicht nehmen auf die Umwelt.
Meine Sorge bezüglich Toilette war unbegründet. Sandra erklärte mir, sie seien auch für die öffentlichen Toiletten zuständig. Bei Bedarf würde sie diese nutzen. Wenn sie mit einer der Kehrmaschinen unterwegs sei, müsse sie zudem immer wieder zurück zum Werkhof um den Kehrgutbehälter zu leeren und den Wassertank zu füllen. Der Vormittag habe dank der Pause keine sehr langen Arbeitsabschnitte.
Spät am Abend fahre ich erfüllt von vielen neuen Eindrücken zurück nach Hause. Am Montag werde ich wieder an meinem Büroarbeitsplatz wirken. Die Bewegung wird zu kurz kommen. Aber mir steht ein höhenverstellbares Pult zur Verfügung, so dass ich zwischen Sitzen und Stehen nach eigenem Gutdünken abwechseln kann. Den Kopf kann ich dank ergonomischem Curved-Bildschirm gerade halten. Es wird angenehm warm sein und gut duften.
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