Eine Reportage. Teil 3 von 4.
Sandra erzählt von einem Igel, den sie vor den metallenen Besen und dem Saugmund der Kehrmaschine retten konnte und zur Igelstation brachte, wo leider nur noch sein Tod festgestellt werden konnte. Der Saugmund der Kehrmaschine, der durch die Fahrerin via Kamera überwacht wird, ist vierundfünfzig Zentimeter lang und zwanzig Zentimeter breit. Er führt in ein Saugrohr mit fünfundzwanzig Zentimeter Durchmesser.
„Während meiner Arbeit höre ich viel zu oft die Sirene des Krankenwagens oder sehe ihn, wenn er irgendwo auf dem Stadtgebiet steht.“ Das mache sie traurig, beschreibt mir Sandra ihre Gefühle. Sie berichtet von einem Portemonnaie, das sie dem Fundbüro der Polizei übergab. Die Kehrmaschine und sie seien langsame Verkehrsteilnehmende. Es sei ein Aufsteller, wenn bei einem Bus, dem sie selbstverständlich den Vortritt lasse, anschliessend das „Danke“ auf dem Heckdisplay aufleuchte. Das gegenseitige Winken mit den Chauffeuren von regionalen Unternehmen, die sie an gewissen Tagen mehrmals kreuze, gehöre zu den schönen Erlebnissen. Sie schätzt das Gefühl, gebraucht zu werden. Es sei befriedigend, ein wichtiges Glied in einer funktionierenden Kette zu sein. Im Team fühlt sie sich voll aufgenommen. Der Umgang miteinander sei respektvoll und lustig. Wenn Sprüche fallen würden, sei sie nicht auf den Mund gefallen. An kalten Tagen freue sie sich nicht auf die Arbeit, speziell wenn sie mit dem Golfcart mit der offenen Kabine fahren müsse, aber sie freue sich immer auf die Kollegen, auf die Zusammenarbeit mit ihnen. Unvermittelt nennt mir Sandra das bisher allerschönste Erlebnis: Sie beschreibt den Bahnhofplatz um vier Uhr morgens bei eingeschalteter Weihnachtsbeleuchtung, wenn er frisch verschneit sei. Ihn dann ganz für sich alleine zu haben, sei ein unschätzbares Geschenk. Die Augen von Sandra leuchten.
Nach gut einer Stunde, auf der Höhe der Garage Emil Frey, ist der Wassertank leer und wir fahren zurück zum Werkhof um ihn aufzufüllen. Sandra fährt hier zuerst an die Sondermüll-Mulde, rückwärts. Auf Knopfdruck hebt sich der Kehrgutbehälter, der zwei Kubikmeter fassen kann, und übergibt sein nasses Gemisch aus Laub, Pneuabrieb, Staub, Zigarettenstummeln, Getränkedosen und vielem mehr der Mulde. Das Wasser diene nicht nur dazu, dass der Staub gebunden werde und die Verkehrswege sauberer werden, sondern auch dazu, dass sich das Schmutzgemisch überhaupt aus dem Behälter lösen könne, erklärt mir Sandra. Es ist kalt draussen, so wird meine Nase nicht herausgefordert, aber als Sandra wärmere Temperaturen und Sommerhitze erwähnt, kann ich mir lebhaft vorstellen, dass es dann richtiggehend stinkt.
Auf dem Areal des Werkhofs steht auch eine Grüngutmulde. Diese fährt Sandra an, wenn sie mehrheitlich Laub gekehrt hat. In der Regel entsorgt sie jedoch Sondermüll.
Das Füllen des dreihundert Liter fassenden Wassertanks dauert etwa zehn Minuten. Ich frage Sandra, welche Anforderungen man erfüllen müsse, um die Aufgaben einer Werkhofmitarbeiterin wahrnehmen zu können. Für die Kehrmaschinen braucht es den Führerausweis B und betriebsinterne Fahrpraxis. Generell müsse man naturverbunden sein. Es brauche Kraft und Ausdauer, Arbeitswille, Humor, Sinn für Ordnung und Sauberkeit. Agil müsse man sein, weil man doch oft ein- und aussteige, die Hüftgelenke würden sie am Abend jeweils daran erinnern, wie oft sie es am Tag gemacht habe. Man müsse hitze- und kältebeständig sein. Die Kabinen der Kehrmaschinen können geheizt werden und sie verfügen über eine Klimaanlage. Die Unterhaltsfahrzeuge, die Sandra und ihren Arbeitskollegen für den Anlagenunterhalt zur Verfügung gestellt werden, sind aber offen. Der Fahrtwind, der im Hochsommer geschätzt ist, kühlt in der kalten Jahreszeit die Knochen der Werkhofmitarbeitenden zu Eiszapfen, wenn sie zu den Einsatzorten und später wieder zurück zum Werkhof fahren.
Als der Wassertank wieder voll ist, fahren wir zur Maiholzstrasse und reinigen Trottoirs. Sandra schätzt die Begegnungen mit Fussgängern. Sie erzählt, dass es immer wieder Männer gebe, die ihr mit Daumen hoch-Zeichen freundlich zunicken, wenn sie realisieren, dass eine Frau die Kehrmaschine bediene. Kinder hätten Freude an der langsamen Maschine mit den rotierenden Besen, wobei Sandra froh wäre, wenn sie jeweils weiter entfernt stehen oder der Maschine folgen würden. Die Maschine wirble, trotz Wasserdüse und Saugvorrichtung, Feinstaub auf und ein Teil des Feinstaubs entweiche durch die Filter wieder in die Umgebung. Die Maschine sei zudem sehr laut. Wenn sie mit maximaler Drehzahl wische, erreiche sie knapp über einhundert Dezibel. Sie würde die Kinder gerne davor schützen, dass sie den Feinstaub einatmen und das Gehör schädigen.
Sandra ist jeweils für zwei Wochen eingeteilt für die Elektrokehrmaschine, dann zwei Wochen für die Dieselkehrmaschine und anschliessend zwei Wochen für den Anlagenunterhalt. Beim Anlagenunterhalt ist sie noch näher bei der Bevölkerung, was sie sehr schätzt. Sie leert und reinigt Abfallkübel, lockert Kiesplätze, räumt Spielplätze und Grillstellen auf, die je nach Jahreszeit und Witterung unterschiedlich viel Aufwand bereiten. Von Mai bis Oktober jätet sie Rabatten. Beim Corona-Lockdown musste sie zusammen mit ihren Kollegen die Spielplätze absperren, was ihr schwerfiel. Auf die Frage nach ihrer Lieblingsarbeit antwortet sie: „Alle Arbeiten zusammen, sind meine Lieblingsarbeit. Wenn ich immer das gleiche machen müsste, würde es langweilig.“
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