Eine Reportage. Teil 2 von 4.
Ich sehe den vielen Schmutz, der von den Besen erfasst und Richtung Saugmund gekehrt wird und die andere, saubere Strassenseite. Gerade als ich mir überlege, dass ich nachvollziehen kann, dass man gerne im Reinigungsdienst arbeitet, weil man das Resultat seiner Arbeit sofort sieht und man die Sicherheit und die Wirkung von Verkehrswegen verbessern kann, erzählt mir Sandra, welchen Abnutzungserscheinungen ihr Körper ausgesetzt ist. Während ich nämlich in gerader Haltung auf dem Beifahrersitz sitze und meinen Kopf in alle Richtungen wende, um ja nichts zu verpassen, hat der Körper von Sandra fast konstant die gleiche Haltung. Mit der linken Hand bedient sie das Steuerrad, mit der rechten Hand via Joystick die Besen. Den Kopf hält sie so, dass sie möglichst gleichzeitig den Boden, die Besen, die Kamera, die Aussenspiegel im Auge hat und auch noch sehen würde, wenn etwas auf ihrer Spur entgegenkommen würde. So verharrt sie bis der Streckenabschnitt gereinigt ist.
Um sieben Uhr setzt sich Sandra in die Kehrmaschine, die einsatzbereit in der Garage steht; von neun bis halb zehn darf sie im Werkhof Pause machen. Danach fährt sie wieder bis Viertel vor zwölf. Von nachmittags um eins bis Viertel nach fünf wechselt sie ihre Körperhaltung nur, wenn sie zum Werkhof zurückfahren muss um den Kehrgutbehälter zu entleeren und den Wassertank aufzufüllen oder wenn, wie heute, die zu reinigenden Flächen nicht direkt aneinander anschliessen und sie zwischendurch mit hochgezogenen Besen fahren kann. Zudem hält sie die Kehrmaschine an und steigt aus, wenn grössere Äste im Weg liegen oder andere Sachen, die die Maschine nicht aufsaugen kann oder Sandra nicht will, dass sie aufgesaugt werden. Die unnatürliche Haltung setzt ihrem Rücken und derer ihrer Arbeitskollegen zu. Die zwei Wochen Anlagenunterhalt, die nach jeweils vier Wochen Kehrmaschinen-Dienst folgen, werden von allen Teammitgliedern geschätzt, aber um bei der Arbeit gesund bleiben zu können, müssten sie noch weitere Ideen entwickeln, sinniert Sandra.
Sandra erzählt, dass die Mitarbeitenden ihre Vorschläge zur Qualitätsverbesserung in einer Ideenbox deponieren können. Ihre Vorgesetzten würden ihre Anregungen auch immer wieder umsetzen; nicht alle, aber sie und ihre Kollegen würden ernst genommen. Für die Idee mit den geschlossenen Kabinen für die Golfcarts, die für den Anlagenunterhalt eingesetzt werden, hätten sie noch keine offenen Ohren gefunden, aber vielleicht würden die Entscheidungsträger diesen Winter mal ein, zwei Tage mitfahren.
Etwa eine Stunde pro Woche erledigt Sandra Büroarbeiten. Sie meldet Defekte an Maschinen und den Anlagen, die sie unterhält. Sie rapportiert, wann sie welchen Spielplatz kontrolliert hat, wann sie welche Brücke gereinigt hat. Sie führt Dieselkontrollprotokolle. „Generell gesagt: Ich muss alles belegen, was ich gearbeitet habe.“ fasst Sandra zusammen.
Zu den üblichen Arbeitszeiten kommt Pikettdienst hinzu. Ganzjährig für die Reinigung von Unfallstellen, wobei sie nur sehr selten aufgeboten würden, erklärt mir Sandra. Von November bis März würden sie zudem Winterpikett leisten, jede zweite Woche von Freitag bis Freitag. Je nach Zustand der Trottoirs beginne der Dienst dann um vier Uhr morgens und könne theoretisch 24 Stunden dauern. An solchen Tagen würde der Vorgesetzte aber schauen, dass sie sich im Team mit dem Winterdienst abwechseln, so dass jedes zwischendurch eine längere Pause machen könne. Während der Pikettzeiten muss Sandra zwanzig Minuten nach Eingang des Anrufs des Wintermeisters beim Werkhof einsatzbereit sein.
„Wie weisst du eigentlich, welche Strassen und Trottoirs du reinigen musst“, frage ich. Grundsätzlich habe das zur Einarbeitung gehört, antwortet sie. Im Zweifelsfall schaue sie auf ihrem Handy unter ThurGIS nach, wer Eigentümer ist. Frauenfeld habe neben Privaten, Stadt und Kanton ja auch noch Gebiet, das dem Bund unterstellt sei. Beim Winterdienst sei die Stadt mehrheitlich für die Trottoirs und öffentlichen Plätze zuständig, der Kanton für die Strassen. Sandra erzählt mir, dass sie es gerne überall sauber hätte, doch sie müsse akzeptieren, dass Bund und Kanton ihre eigenen Reinigungsrhythmen habe. Das könne dazu führen, dass sie und ihre Arbeitskollegen Schmutz zwar sehen, aber ihn nicht entfernen dürften.
Nur einmal habe sie sich vom Stadt- auf Bundesgebiet begeben. Sie sei mit der Kehrmaschine entlang der Bahnlinie unterwegs gewesen, als sie eine Katze gesehen habe, die sich auf den Vorderläufen vorwärts schleppte. Sie, Sandra, sei über den Zaun geklettert und musste feststellen, dass die Hinterläufe der Katze lahm waren. Sie habe einen Arbeitskollegen angerufen, der einen Kessel brachte. So hätten sie die Katze zum Tierarzt gebracht. Die Besitzer hätten ferienbedingt nicht erreicht werden können. Daher habe sie entschieden, dass die Katze operiert werde, auch wenn sie es selber bezahlen müsse. Eine Hinterpfote musste amputiert werden. Die Besitzer konnten dann noch erreicht werden. Sie hätten ihre Ferien abgebrochen und seien zurückgekehrt. Sie bedankten sich bei Sandra für ihre Initiative und bezahlten auch die Tierarztkosten. Der Zufall habe es gewollt, dass sie gerade diese Woche die Katze wieder einmal gesehen habe; zwar nur auf drei Beinen, aber sie lebe.
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