Wer fährt denn da die Kehrmaschine in Frauenfeld?

Eine Reportage. Teil 1 von 4

„Und wenn ich auf die Toilette muss?“, frage ich mich erschrocken, während ich zu Hause meine Zähne putze. Es ist Freitag, 19. November 2021. Um Viertel vor eins erwartet mich meine Cousine Sandra Klausner in Frauenfeld. Sie arbeitet seit August 2017 beim Werkhof; zuerst hauptsächlich auf dem Büro, nach wenigen Monaten wechselte sie Vollzeit ins Team Unterhalt Verkehrswege und Anlagen.

Heute Nachmittag ist Sandra für den Unterhalt der Verkehrswege mit der Diesel-Saugkehrmaschine eingeteilt. Ich darf meine Cousine bei dieser Arbeit begleiten. Sandra erhält von Arbeitskollege Jürg die Information, dass er am Vormittag im Rahmen des Anlagenunterhalts einen öffentlichen Platz für das Kehren mit der Maschine vorbereitet hat. Auf dem Weg zur Garage erklärt mir Sandra, dass die verschiedenen Fahrzeuge jeweils nach einem kurzen Check von einem Fahrer an den nächsten übergeben werden. Allfällige Mängel werden der Werkstatt gemeldet.

Die Stadt Frauenfeld hat zwei Kehrmaschinen, die dieselbetriebene und eine strombetriebene. Die beiden Kehrmaschinen stehen hintereinander. Sandra fährt die ungefähr 380’000 Franken teure Maschine aus der hohen, schmalen Garage. Draussen hebt Jürg die Rückspiegel auf der Beifahrerseite, die sich bei den Kehrmaschinen links befindet, aus ihrer Verankerung, so dass ich die Beifahrertüre weit genug öffnen und in die MC 210 EURO 6 Azura Flex einsteigen kann. Er hängt die Rückspiegel wieder ein, Sandra richtet sie aus und bereits sind wir unterwegs. Auf der Strasse fahren wir mit hochgezogenen Besen und erreichen so flotte vierzig Stundenkilometer. Wir verlassen die Gaswerkstrasse und fahren ins Industriegebiet Juch um den öffentlichen Motorradübungsplatz von Laub, Staub und anderem Kehricht zu befreien. Jürg hat am Vormittag den Schmutz, der für die Kehrmaschine sonst nicht erreichbar wäre, mit einem Gebläse aus den Ecken vertrieben, weil die Wischbesen nicht in die Ecken kommen. Beim Platz angekommen, schaltet Sandra die Warnblinker an, senkt die Besen, richtet sie aus und schaltet die Wasserdüsen ein. Sandra fährt – nun nur noch mit drei bis vier Stundenkilometern – an den Rand des Platzes und schaut konzentriert irgendwie gleichzeitig auf die Stellriemen, die rotierenden Besen, die Saugmundkamera und hat auch immer die Umgebung im Blick. Später erzählt sie mir auf meine Frage, ob es Arbeiten gebe, die sie nicht so gerne erledige, dass das Wischen des Bahnhofs besonders anspruchsvoll sei. Das Risiko eines Unfalls mit anderen Verkehrsteilnehmenden sei gross. Ihr Blick müsse eigentlich immer auf den Boden gerichtet sein und gleichzeitig müsse sie alles wahrnehmen, was sich bewege und immer richtig reagieren.

Wir reinigen den Platz von aussen nach innen, indem wir eine unförmige Spirale fahren. Die Maschine hinterlässt eine Wasserspur, aber kaum Schmutz. „Wann ist es sauber?“, frage ich Sandra. Ich sehe, dass es auf dem Platz noch einzelne Blätter hat und überlege, dass die Mitarbeitenden aus Kostengründen wohl nicht jedem Blatt und Zigarettenstummel nachfahren können, wenn die Maschine sie nicht aufgesaugt hat. Sandra bestätigt mir das und verweist mich ans Internet. Wieder zu Hause, finde ich später den „Katalog zur Beurteilung der Sauberkeit in Städten und Gemeinden“ der „Kommunalen Infrastruktur“ einer Organisation des Schweizerischen Städteverbandes und des Schweizerischen Gemeindeverbandes. Ich lese, dass null bis drei Zigarettenstummel als keine Verschmutzung gelten, obwohl sie Fussgänger stören können. Im Dokument sind auch Kaugummis erwähnt, Laub und Blüten gefolgt von den Abfallbehältern und weiterer Infrastruktur. Es wird über vier Stufen unterschieden nach „wenig störend“ bis „sicherheitsgefährdend und sehr stark störend“.

Als der Platz sauber ist, lässt Sandra die Besen anheben, schaltet die Warnblinkanlage aus und wir dürfen wieder mit vierzig Stundenkilometern fahren. Unser Ziel ist die Schaffhauserstrasse. Die linke Seite war am Vortag gereinigt worden. Die rechte Seite wird jetzt von Sandra gesäubert. Sie hält die Maschine an, schaltet den Warnblinker an, senkt die Besen und fährt, eng an den Trottoirrand geschmiegt, stadtauswärts. Die Kehrmaschine ist etwa so breit wie der Radstreifen. Sandra beobachtet jetzt nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern sieht im Rückspiegel, dass sich von hinten ein Bus der Verkehrsbetriebe nähert. Mir fällt auf, dass auf der Gegenfahrbahn ein Personenwagen an den Strassenrand gefahren ist und angehalten hat, um dem Bus genügend Platz zu gewähren, damit er uns überholen kann. Ob ich so aufmerksam gewesen wäre, wenn ich am Steuer des Personenwagens gesessen wäre? Und hätte ich mir die Zeit genommen, kurz anzuhalten? Im Stillen fasse ich einen guten Vorsatz.


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