„Guten Morgen“, tönt es freundlich, von mir. Keine Reaktion. Ich schaue genauer hin. „Wie siehst du denn aus?“ Die Haare, statt dass sie wie gewohnt grossmehrheitlich lustlos an der Kopfhaut hängen, mit wenigen Ausnahmen, die sich Richtung Himmel oder sonst wohin recken, sind ein wildes Durcheinander. Wie beschrieb sie der damalige Engelberger ‚Coiffeur Roos, ganz famos‘, vor etwa 35 Jahren: Schnittlauchlocken. Aber jetzt sehen sie eher aus wie Ringelschwänzli. Mehrere Büschel sind leicht geschwungen und die – mit ein bisschen gutem Willen – so erkennbaren Locken, schauen in alle Richtungen. Was ist da wohl passiert? Was war das für eine Nacht, die eine solche Lockenpracht hervorbringen konnte? Faszinierend. Wünsche können also tatsächlich über Nacht in Erfüllung gehen.
Ich öffne den Spiegelschrank. Der Kopf, aus dem mich eben noch interessierte Augen angeschaut haben, verschwindet. Ich greife nach der Haarbürste und schliesse den Spiegelschrank. Die Locken sind wieder da. Sieht einfach umwerfend aus. Behutsam fahre ich mit der Bürste in die gewellten Haare. Die mögen das. Die lassen das mit sich machen. Ziel meiner Bemühungen: Ordnung in das Chaos zu bringen. Wenn ich ein paar Haarbüschel überzeugen könnte, in jeweils eine Richtung zu schauen, könnte ich mich mit der neuen Frisur vor die Wohnungstüre wagen, vielleicht sogar bis ins Büro. An meinem guten Willen liegt es nicht. Auch die Haare haben ihren Willen. Ihren eigenen. Wenn sie jetzt schon mal gelockt sind und mir eine solche frühmorgendliche Freude bereiten konnten, bleiben sie, wie sie sind. Bürste hin oder her, Bürste hin und her. Die Haare verändern ihre Ausrichtung nicht.
Ich versorge die Haarbürste. Eine leichte Enttäuschung kann ich nicht verleugnen. Ich steige ich die Badewanne und halte auch den Kopf – wie jeden Morgen – unter die Brause. Nur mit Hilfe von Wasser und Shampoo gehorcht meine Mähne wieder der Schwerkraft und lässt sich entspannt hängen. In wenigen Tagen wird sich die Coiffeuse meines Vertrauens ihrer annehmen. Sie wird Ordnung hineinbringen. Sie wird die Haare soweit kürzen, dass es ihnen einmal mehr vorübergehend unmöglich sein wird, sich nachts – ohne mich miteinzubeziehen – neu auszurichten und für wenige Tage werden mein Spiegelbild und ich morgens wieder eine Einheit sein.
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