Im Jahr 2071 werde ich 106-jährig sein. Ich lebe in einer hindernisfreien Zweizimmerwohnung mit Aussicht auf einen trägen Fluss oder einen sich kräuselnden See und hohe Berge.
Der Chip, den ich mir mit siebzig Jahren freiwillig einspritzen liess, liefert meine Vitaldaten in Echtzeit an ein Gesundheitszentrum. Abweichungen von meinen Standarddaten, wie Herzfrequenz, Blutdruck, Körpertemperatur und Atmung, führen automatisch zu einer Anweisung an mich auf meiner Smartwatch, die ich an meinem Handgelenk trage. Der Sensor, der in eine meiner Adern führt, analysiert mein Blut laufend. Bei Bedarf werden ebenfalls gesundheitliche Massnahmen ausgelöst. Die Meldung wird mir vorgelesen, weil ich das in den Standardeinstellungen so hinterlegt habe. Wenn ich meinen Handrücken an die Decke oder eine Wand richte, kann ich die Anweisungen auch bequem lesen, weil sie projiziert werden. Falls die Daten Bedarf an pflanzlichen oder – in Ausnahmefällen – an chemischen Präparaten zeigen, werden diese in wenigen Minuten via Drohne auf meinen Balkon geliefert, wo sie von Chnobli in Empfang genommen werden.
Die Resultate meiner Blutanalyse sind zudem Grundlage für meine Ernährung. Die Zusammensetzung der Mahlzeiten, die Menge der einzelnen Komponenten sowie der Zeitpunkt der Lieferung basieren auf der Blutanalyse. Das Essen schmeckt immer ausgezeichnet. Aufgrund der Datenanalyse werden auch die Gewürze individuell auf meine Bedürfnisse und meinen Geschmack abgestimmt. Ebenso erkennt das System, wie viele Mahlzeiten pro Tag geliefert werden sollen.
Ich verbringe meine Tage mit Schlafen, Fernsehen, Lesen, Essen und Trinken und vor allem mit Schreiben. Hin und wieder besuchen mich meine 72-jährige Nichte oder mein 74-jähriger Neffe. Sie haben eher selten Zeit, weil das Pensionierungsalter mittlerweile auf 75 Jahre erhöht wurde und beide ein Vollzeitpensum leisten. Zudem begleiten sie ihre 105-jährigen Eltern gerne bei deren sportlichen Aktivitäten. Wenn sie zu mir zu Besuch kommen, spielen wir Rummy oder gehen spazieren. Da sich viele meiner Freund*innen und Bekannten auch im dreistelligen Alter befinden, führen wir meistens Videokonferenzen in 3D um miteinander zu plaudern. Mit jenen, die in der Nähe wohnen, treffe ich mich in der Regel mittwochs. Wir besuchen einander abwechslungsweise.
Da mittlerweile alle Menschen einen Chip tragen und das Gesundheitszentrum immer weiss, wer wo ist, wird das Essen jeweils dorthin geliefert, wo man sich gerade aufhält. Wenn das Verpflegungssystem zwei oder mehr Menschen im gleichen Raum wahrnimmt, wird die Essenszeit, sofern gesundheitlich vertretbar, aufeinander abgestimmt, so dass sich alle gleichzeitig verpflegen können.
Für neue Kleider oder Schuhe wähle ich im Internet das Modell, das mir gefällt. Es wird mir passgenau mittels Drohne geliefert. Damit meine Masse genommen werden können, stelle ich mich vor die Bildschirmkamera und drehe mich. Für Schuhe stehe ich kurz in den Massnehmer, der sonst als erquickendes Fusssprudelbad dient.
Ich dusche nur noch in Anwesenheit von Chnobli, meinem Pflegeroboter. Sollte ich das Gleichgewicht verlieren, fängt er mich sanft auf. Bei Bedarf unterstützt er mich beim Einseifen und Abtrocknen. Chnobli empfängt in Echtzeit meinen Muskeltonus. Je nach Bedarf ist er sofort an meiner Seite, sobald ich von einem Stuhl oder vom Bett aufstehen oder mich hinsetzen will. Dank Chnobli kann ich jederzeit einen Spaziergang unternehmen. Wenn ich mich im Schreiben verliere, erinnert er mich daran, dass wir noch nicht draussen waren. Die Massagekünste von Chnobli sind unbeschreiblich, daher kann ich hier nicht näher auf sie eingehen.
Chnobli erhält bei Bedarf vom Gesundheitszentrum Anweisungen, wie er mich komplementär oder medizinisch behandeln muss. Spritzen, Sauerstoff und so weiter werden dafür via Drohne geliefert.
Wenn mich meine Freund*innen besuchen, wird es meistens eng in der Wohnung, weil alle ihren Chnobli mitbringen.
Die Haare lasse ich mir durch die Haarschneidehaube schneiden. Ich setze mich unter sie und teile meiner Smartwatch die gewünschte Frisur mit. Aus feinen Düsen strömt warme Luft, die die Haare in die Luft bläst. Dann fahren Rundscheren aus. Die Haare fädeln durch den Luftstrom ein und werden in der gewünschten Länge geschnitten. Anschliessend werde ich wie von mir gewünscht frisiert.
Wenn ich Chnobli nicht gerade als persönlichen Assistenten brauche, reinigt er meine Wohnung, bezieht das Bett frisch oder kümmert sich um die schmutzige Wäsche.
Ich schätze die Annehmlichkeiten ausserordentlich, die dank der Digitalisierung möglich und heute für alle Menschen Standard sind. Das kulturelle Angebot ist unerschöpflich und dank 3D habe ich immer den Eindruck, ich sei vor Ort dabei, obwohl ich Opern, Ausstellungen, Musicals, Lesungen, Konzerte und vieles mehr in der Regel in meiner Wohnung oder im Gemeinschaftsraum der Wohnsiedlung geniesse.
Weihnachten war wieder wunderschön. Schnee fällt nur noch selten, aber dieses Jahr wurden wir wieder einmal damit verwöhnt. Der Vollmond und die vielen Weihnachtsbeleuchtungen brachten ihn zum Glitzern. Ich konnte dann zwar nicht an die Feier der u110, weil ich das Risiko, dass ich auf dem Fussweg ausrutsche, nicht eingehen wollte. Ich schaltete stattdessen BBC ein, hörte die Weihnachtsansprache von Queen Elisabeth II., die jetzt doch auch schon 145-jährig ist und wechselte anschliessend zu Netflix, wo ich mich von Drei Nüsse für Aschenbrödel verzaubern liess. Der Film ist jetzt 98-jährig und ich freue mich auf die nächste Jubiläumssendung in zwei Jahren.
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