Der bedauernswerte Mensch weiss, dass er nicht kratzen darf. Er fährt wieder und wieder mit einem Mückenstichroller über die überdurchschnittlich grossen, heftig juckenden, heissen Beulen, die Aurelia in ihrem Blutrausch hinterlassen hat.
Er scheint sehr zu leiden. Er betrachtet sich im Spiegel und erschrickt über die Grösse der Beulen, die die brutalen Stiche von Aurelias präzisem Stechrüssel hervorgerufen haben. Sie haben im Durchmesser und in der Höhe beträchtliche Ausmasse und leuchten wie rote Ampeln in einer mondlosen Nacht. Der Mensch legt Kühlbeutel auf und siecht durch zwei lange Tage und eine nicht enden wollende Nacht bis der brennende Juckreiz endlich langsam nachlassen wird.
Aurelia hatte sich nach ihrem Gemetzel auf die Vorhangkante zurückgezogen, wo sie unsicher sass, da ihr Gleichgewichtssinn durch die arglistige Blutsaugerei stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Sie hatte sich im Voraus gar nicht überlegt, wo sie die Eier produzieren und ablegen könnte. Und jetzt ist ihr gar nicht nach Nachwuchsproduktion zu Mute. Ihr ist immer noch fürchterlich übel von ihrem Gelage und Cäsar, ihre Zufallsbekanntschaft noch im Thurgau, hatte sich nach der hastigen Begattung sofort aus dem Staub gemacht. Es hängt nun alles an ihr. Im Herbst eine neue heterosexuelle Beziehung eingehen zu können, ist unmöglich. Die Männchen sterben alle.
Mücke Aurelia fliegt in die Küche, legt sich auf den feuchtwarmen, weichen Abwaschschwamm und schläft sofort ein. Als am nächsten Vormittag die Balkontüre offen steht, nimmt sie einen Inspektionsflug vor und muss feststellen, dass es auf diesem Balkon keine Giesskanne hat, die als Kita dienen könnte.
Aurelia setzt sich auf den Balkontisch. Es ist hier merklich kühler als im Thurgau. Die temperaturmässigen Auswirkungen ihrer Übersiedlung vom Thurgau in den Kanton St. Gallen hat sie unterschätzt, wie sie sich jetzt ernüchtert eingestehen muss. Da Aurelia wichtig ist, ihren zwei tausend lieben Kindern einen guten Start ins geschäftige Leben zu ermöglichen, beschliesst sie, sich einen sicheren, wohligen Überwinterungsplatz zu suchen und die Eier im Frühling zu produzieren.
Sie startet ihren Erkundungsflug und besucht als erstes die umliegenden Balkone. Nichts scheint ihr geeignet für ihre Nachkommen. Auf dem Weg zum Nachbarshaus ruht sie sich auf einem Baum aus und schaut zurück. Erst jetzt fällt ihr das dichte, unzugängliche Buschwerk unter den Balkonen, links und rechts vom Hauseingang auf. Das sieht nun aber sehr einladend aus.
Westseitig, Abendsonne, für Menschen praktisch unerreichbar, kaum gepflegt: Absolut ideal. Aurelia steuert die Liegenschaft an, entscheidet sich für die Nordwestseite und beginnt mit dem heiklen Landemanöver, das ihr einmal mehr tadellos gelingt. Kühl, feucht und geschützt muss das Winterlager sein. Hinter dem dichten Blätterwerk entdeckt sie ein gekipptes, schmutziges Fenster. Neugierig schaut sie in den Raum hinein und sieht Velos. Wunderbar!
Sie stelzt – so gut das mit dem Blutbäuchlein geht – in den Veloraum und findet auf Anhieb eine freie, kuschelige Ritze im fünfzigjährigen Mauerwerk. Sie schliesst die müden Augen und fällt augenblicklich in einen süssen Winterschlaf.
Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.
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Hui, da bin ich aber gespannt wie die Geschichte nach dem Winterschlaf weitergeht 🙂
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