Jane 6 – Fortsetzung

Johanna war das zufriedenste Kind, das es je gegeben hatte. Jane liess sie keine Sekunde aus den Augen. Tag und Nacht war sie neben ihr. Wenn der Nuggi aus dem kleinen, weichen Mund gefallen war, steckte ihn Jane zurück, sobald Johanna auch nur das kleinste Anzeichen von Unwohlsein zeigte. Jane merkte vor Johanna, wenn es Zeit für die nächste Mahlzeit war und weckte nachts Sonja, indem sie ihr sanft die Decke wegzog.

Jane schaute interessiert zu, wenn Sonja ihre Tochter badete. Sie staunte, wie man das heute machte. Jane war früher froh gewesen, wenn es genügend sauberen Stoff hatte, um ihre Geschwister zu wickeln. Johanna wurde im warmen Badezimmer mit genau temperierten Wasser und weichen Tüchern sorgfältig gewaschen, getrocknet und eingecremt, bevor sanfte Windeln angelegt wurden. Das Mädchen hatte viele schöne Kleidchen und Jane musste immer wieder nach Söckchen suchen, weil sie so klein waren, dass sie in der Waschmaschine und zwischen den Sofakissen übersehen wurden.

Johanna gedieh prächtig und war ein Sonnenschein. Ihre Eltern und die beiden Brüder meinten, sie könne sich bestens alleine unterhalten. Sie amüsierten sich, wenn Johanna am Plappern war, wie sie es nannten. Ihre kleinen Hände schienen ziellos in die Luft zu greifen und vergnügt zappelte sie mit ihren Beinchen.

Plappern. Johanna plapperte nicht, sondern unterhielt sich mit Jane. Beide waren unbeschreiblich glücklich, sich endlich wieder zu sehen. Johanna war eines der jüngeren Geschwister von Jane und hatte sich bereit erklärt, Jane zur Familie zu holen. Jane hatte Johanna erkannt, kurz nachdem diese begonnen hatte, mir ihr zu sprechen. Aber damit, dass sie, Jane, hier nicht mehr am richtigen Platz sei, kam sie nicht klar. Kaum hatte Johanna ihr das gesagt, spürte Jane sofort ihren nur zu gut bekannten Besitzanspruch: „Dies war ihr Haus! Seit nunmehr 275 Jahren.“

In der folgenden Nacht musste Jane seit langem wieder einmal sehr fest nachdenken. Estrich und Keller kamen dafür nicht mehr in Frage, sie musste schliesslich auf Johanna aufpassen. So entschloss sie sich, den Stubenwagen zu umrunden. Um ihre Schwester nicht aufzuwecken, ging sie ganz leise, was aber ihren Denkprozess erschwerte.

Johanna hatte ihr erklärt, ihr Platz sei eigentlich schon lange im ewigen Licht. Darunter konnte sich Jane nichts vorstellen. Was sie jedoch nach zehn Kinderbett-Umrundungen verstand, war, dass sie vor vielen Jahren verstorben war. Es war ein besonders harter Winter gewesen. Sie hatte Hunger gelitten. Geheiratet hatte sie nie. Sie lebte alleine im Haus und eines Morgens stand sie leichtfüssig auf, fühlte sich satt und glücklich. Erst zwei Wochen später war das Haus wieder erreichbar und ein Neffe fand ihren eiskalten, leblosen irdischen Körper. Sie schaute zu, wie er davongetragen wurde, dachte sich dabei aber nichts weiter. Und jetzt hatte ihr Johanna erklärt, sie hätte damals, als sie so beschwingt aufgestanden sei, ins Licht gehen sollen. Sie sei von den Familienmitgliedern, die ihr vorausgegangen seien, erwartet worden. Jane hatte das nicht bemerkt. Sie hatte zu viel zu tun.

Am nächsten Vormittag, während Mama Wiederkehr Kirschen entsteinte, fragte Jane Johanna: „Wenn ich an diesen anderen  Ort gehen könnte, von dem du erzählt hast, wer würde dann zu dir schauen?“. Das war nun nämlich ihre absolut grösste Sorge. Auch zum Haus musste geschaut werden, aber es ging ihr jetzt vor allem anderen um ihre Schwester. Johanna lächelte sie liebevoll an: „Jane, ich bin Teil einer wunderbaren Familie. Ich habe die stärksten und besten Brüder der Welt. Hast du gesehen, wie zärtlich sie mit mir umgehen? Ich weiss nicht, wer mehr stolz ist auf mich, meine Brüder oder mein neuer Vater. Meine neue Mutter erschrak schon, als sie feststellte, dass ich mich bei ihr eingenistet hatte, aber schon bald erzählte sie allen, dass ich ein Geschenk sei. Jane, du musst dir keine Sorgen machen. Wenn ich dann weiss, dass du im Licht bist, umsorgt vom Rest unserer Familie, wird es mir noch viel besser gehen.“

Jane brauchte noch viele Nächte und manche Umrundung der friedlich schlafenden Johanna, bis sie endlich das uneingeschränkte „Ja, es ist Zeit weiterzugehen“ aussprechen und annehmen konnte. Ein letztes Mal räumte sie das Haus auf, putzte jede auch unzugänglich erscheinende Ecke, schaute stundenlang in das ebenmässige, freundliche Gesicht ihrer Schwester und herzte sie immer, wenn sie wach war. Dann fühlte sie sich bereit und stellte sich in einer klaren Vollmondnacht auf den hell erleuchteten Hausvorplatz. Sie spürte, wie sie links und rechts liebevoll an der Hand genommen wurde und ging vertrauensvoll ins Licht.

Damit ist diese Geschichte nun zu Ende.     


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