Jane 5 – Fortsetzung

Etwas war plötzlich anders. Jane fühlte es, konnte es aber für sich nicht in Worte fassen. Sie musste öfters nachdenken, versuchte es, sich zu erklären. Ihr Gefühl verbot ihr, ohne dass sie wusste warum, im Estrich nachzudenken und sie wechselte in den Keller.

Nach wenigen Wochen klärte es sich. Sonja war – unerwartet, wie Jane den Gesprächen entnahm – nochmals schwanger. Jane spürte eine tiefe Freude und war gleichzeitig sehr besorgt. Diesen Zustand kannte sie so nicht an sich. Oder doch? War es sehr, sehr lange her, seit sie diese Gefühle gehabt hatte?

Jane half Sonja im Haushalt, wo sie nur konnte. Warum, war ihr selber nicht klar. Sonja, andererseits, war zuerst verwirrt und verängstigt, wegen ihrer unsichtbaren Haushalthilfe. Sie verstand die Vorgänge nicht, aber sie lernte, wie sie sich verhalten musste. Wenn das Waschprogramm beendet war und sie die Waschmaschinentüre und die Tumblertüre öffnete und sich entfernte, war die feuchte, schwere Wäsche kurze Zeit später im Tumbler. Wenn sie die Waschmaschinentüre öffnete, den Wäschekorb darunter stellte, sich in die Küche setzte und einen Tee trank, war die feuchte Wäsche danach fein säuberlich zum Trocknen aufgehängt. Die trockene Wäsche lag am nächsten Morgen perfekt gebügelt und sauber gefaltet in den jeweiligen Zimmern. Legte Sonja saubere Bettwäsche in die Schlafzimmer, waren die Betten kurze Zeit später frisch bezogen und die Schmutzwäsche lag in der Waschmaschine.

Auch beim Aufräumen wurde Sonja sehr effektiv unterstützt. Jedes Mal, wenn Tim und Tom ihre Sneakers nicht in Reih und Glied bei der Garderobe hinstellten, waren am anderen Morgen die Schuhbändel entfernt und zu schönen Zöpfen geflochten. Alles, was die Zwillinge unter ihre Betten schossen oder sonst liegenliessen, fanden sie am nächsten Schultag in ihren Schulrucksäcken, dafür fehlten Schulbücher und andere Materialien. Sie konnten dem Lehrer nicht sagen, dass sie zu spät zur Schule kamen, weil sie zuerst Schuhbändel entwirren und wieder einfädeln mussten. Dass sie beim Einpacken ihre Hausaufgaben mit schmutzigen, leicht feuchten, verknäuelten Socken verwechselt hatten, konnten sie beim besten Willen auch niemandem erzählen. Sie sassen die Straflektionen ab und mutierten innert weniger Tage zu besonders ordentlichen Jungs. Was immer in ihrem Haus nicht stimmte, sie hatten keine Chance dagegen anzukommen und hätten sie jemand Aussenstehenden erklärt, welch unerklärliche Dinge passierten, wären sie ausgelacht worden.

Jane hatte es immer sehr geschätzt, wenn sie das Haus für sich hatte, aber jetzt mochte sie es gar nicht, wenn sie alleine war. Wie konnte die schwangere Sonja das Haus verlassen? Das war doch viel zu gefährlich. Nach einigen Nächten auf und ab gehen im Keller, überwand Jane all ihre Bedenken und begleitete Sonja das nächste Mal, als diese das Haus verliess. Jane hatte gesehen, dass im Kalender, in der Spalte „Mama“ stand „Dr. Kind, Ultraschall“. Dr. stand für „Doktor“, aber was bedeutete wohl „Ultraschall“? Jane war sehr besorgt und sie liess Sonja keinen Moment aus den Augen. Sonja sprach die Frau in weissen Kleidern mit „Frau Kind“ an. Das musste die Frau des Doktors sein. Was sie wohl in der Praxis machte? Sonja legte sich auf die Behandlungsliege und schob die Bluse nach oben, so dass ihr Bauch sichtbar wurde. Frau Kind schmierte ihr etwas Durchsichtiges auf den Bauch und fuhr dann mit einem Gerät über Sonjas Bauch. Das passte Jane gar nicht. Hoffentlich machte Frau Kind nichts kaputt. Sonja hatte Tränen in den Augen, Jane wusste weder ein noch aus. Um Himmels Willen! Das Baby! Jane wollte gerade das Kabel des Geräts hinter Dr. Kind durchtrennen, als sie merkte, dass Sonja Freudentränen weinte. Was sollte denn das? Jane folgte der Blickrichtung von Sonja und sah einen Bildschirm, auf dem man aber eigentlich nichts sah. Sie schaute gerne mit der Familie fern, aber dieser Monitor war viel kleiner und sie sah weder Mensch, noch Tier, noch Landschaft und es waren auch keine Töne zu hören. Doch, etwas bewegte sich auf dem Bildschirm. Die Augen von Jane wurden grösser und grösser. Die Umrisse auf dem Monitor sahen aus wie neugeborene Katzen. Die Familie hatte doch jetzt immer von einem Kind gesprochen. Jane fand es ausserhalb ihres Hauses sehr, sehr anstrengend. Frau Kind fragte Sonja: „Möchten Sie das Geschlecht wissen?“ „Ja, sehr gerne“, antwortete Sonja. „Es ist ein Mädchen.“ Sonja strahlte. „Das wird meine Männer freuen.“ und weitere Tränen lösten sich aus ihren Augen. Das einzige, was Jane begriff: Es brauchte sie!

Am Abend informierten Frau und Herr Wiederkehr die Zwillinge. Die Jungs vertraten die Meinung, ihre Schwester solle auch einen Vornamen mit drei Buchstaben haben. Sie schlugen „Ida“ vor. Die Eltern fanden keine Erklärung, wussten einfach, dass das Mädchen den Namen Johanna tragen musste. Im Namensbuch lasen sie zwar, dass es zu Johanna eine englische Kurzform „Jane“ gab, aber das sagte ihnen nichts.

Sonjas Bauch wurde immer grösser. Jane machte sich grosse Sorgen und wusste nicht warum. Sie musste ganz fest nachdenken. Nacht für Nacht ging sie hin und her. Hin und her. Eines Morgens lichtete sich der Schleier, der viele Jahrzehnte über ihren Erinnerungen gelegen hatte. Janes Mutter hatte oft einen grossen Bauch gehabt. Plötzlich war er jeweils wieder weg und Jane musste nach einem Baby schauen. Von Jahr zu Jahr mussten mit dem wenigen Essen, das zur Verfügung stand, mehr Kinder gefüttert werden. Hin und wieder starb eines, aber alles in allem waren es immer mehr. Und einmal, als sie mit ihren Geschwistern zu den Nachbarn geschickt worden war, nachdem der Bauch auch wieder sehr gross gewesen war, erklärte ihnen ihr Vater, ihre Mutter sei bei der Geburt eines weiteren Kindes gestorben und das Baby habe auch nicht überlebt.

Jane fühlte sich für Sonja verantwortlich und ihre jüngeren Geschwister hatte sie sehr gemocht, obwohl sie viel Arbeit machten und immer Hunger hatten.

Als bei Sonja eines Nachts die Wehen einsetzten und Jane hörte, dass Erasmus mit ihr wegfahren wollte, brach sie in Panik aus. Sonja musste im Haus bleiben, alles andere war gefährlich. Alle vier Reifen des Autos hatten einen Platten und als Erasmus zuerst ein Taxi rufen wollte und dann eine Ambulanz, waren die Telefonleitungen tot. Er schickte die Jungs nachts um drei Uhr mit den Velos zum Dorfarzt. Dieser begriff erstaunlich schnell, dass er nach Jahrzehnten wieder einmal eine Hausgeburt begleiten musste. Er kannte das Haus und verstand auch nicht, was vorging. Aber er bot jede Unterstützung, um der neuen Erdenbürgerin einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Obwohl nichts für eine Hausgeburt vorbereitet war, lief alles ausgezeichnet. Der Arzt wurde den Eindruck nicht los, dass ihm jemand assistierte, den er nicht sehen konnte. Das behielt er jedoch wohlweislich für sich.

Die kleine Johanna glich einem Engel. Blonde Löckchen umrahmten ein freundliches Baby-Gesicht. Als Johanna gebadet und gestillt in den Armen ihrer Mutter lag und vom Vater und den beiden Brüdern umringt war, schien es, sie könne ihren Blick auf die Wand über der Kommode fokussieren und sie zeigte ein feines Lächeln.

Jane sass entspannt auf der Kommode und schenkte Johanna ihrerseits ein zärtliches Lächeln.

Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.


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