Jane 4 – Fortsetzung

Jane beobachtete. Solange die Familie im Garten schlief, musste sie nicht nachdenken. Nach ein paar Nächten kehrte Familie Wiederkehr in ihre Betten zurück. Sobald Jane von allen  regelmässige Atemzüge vernahm, begann sie mit Nachdenken. Also ging sie im Estrich auf und ab. Auf und ab.

Frau Wiederkehr war die erste, die reagierte. Ihre Atemzüge veränderten sich. Dann war sie schlagartig hellwach. Ihr Körper versteifte sich. Ihre Zunge klebte am Gaumen. Bebend flüsterte sie undeutlich: „Erasmus“. Papa Wiederkehr hatte üblicherweise einen seligen Schlaf, der kaum je unterbrochen wurde. Hatte er unbewusst die Todesängste seiner Frau wahrgenommen? Oder drangen die Schritte, die deutlich zu hören waren, sogar in seinen Schlaf? Auf jeden Fall war er wenige Sekunden, nachdem seine Frau seinen Vornamen gestammelt hatte, wach und in höchster Alarmbereitschaft.

„Komm mit, wir gehen beide zu den Jungs. Ich will dich nicht alleine zurücklassen.“ Sonja, seine Frau, konnte sich kaum bewegen, doch der Gedanke an ihre Söhne machte es ihr möglich, aufzustehen. Sie schlichen sich ins Zimmer von Tim und Tom, die eben erwachten und erstaunt fragten, was los sei. Es war nichts mehr zu hören, nicht einmal das Zirpen der Grillen. Die Eltern erklärten, sie hätten schlecht geträumt und sie würden gerne bei ihren Söhnen unter die Decke schlüpfen. Diese waren zu verschlafen um zu merken, dass irgendetwas ein bisschen verkehrt lief und noch bevor sich die Eltern eingenistet hatten, waren die Söhne bereits wieder im Reich der Träume. Irgendwann, viel später, tauchten auch die Eltern nochmals ab.

Jane hörte den Gesprächen am Frühstückstisch interessiert zu. Es wurde beschlossen, in der kommenden Nacht das Licht im Korridor, beim Treppenaufgang zum Estrich und im Estrich brennen zu lassen. Sollten Geräusche zu hören sein, würde die Familie gemeinsam nachsehen.

Als alle schliefen, drückte Jane die FI-Schalter, die mit „Licht“ angeschrieben waren, nach unten. Dann ging sie auf und ab. Auf und ab. Sonja war wieder die erste, die die Schritte hörte und sie zeigte die gleichen Symptome wie in der Nacht zuvor. Erasmus war nun aber schneller wach und wollte die Nachttischlampe einschalten. Dann wollte Sonja das mit ihrer Nachttischlampe tun. Erasmus tastete sich zum Lichtschalter bei der Zimmertür und hatte auf dem Weg nur zwei unangenehme Zusammentreffen von grosser Zeh mit Möbelstücken. Es blieb dunkel, auch im Korridor gab es kein Licht. Tim und Tom kamen ihren Eltern mit leuchtenden Taschenlampen entgegen. Gemeinsam gingen sie zur Estrichtreppe. Sobald Erasmus seinen rechten Fuss auf die erste Treppenstufe gesetzt hatte, stoppten die Schritte im Estrich. Jane machte es sich auf einem Dachbalken gemütlich und erwartete die nächtlichen Besucher. Sie sah ihre ängstlich-neugierigen Blicke aus nachtblinden Augen. Familie Wiederkehr sah gar nichts. Auch nicht, als sie die FI-Schalter wieder zurückgekippt hatten. Wie in der Nacht zuvor, blieb es nun aber ruhig.

Aus der Diskussion des Familienrats am nächsten Abend resultierte, dass Vater Wiederkehr nach Nachtsichtkameras mit Bewegungsmelder googelte und auch gleich eine bestellte. Bis das Gerät im Haus war, verhielt sich Jane ruhig. Dann schaute sie wissbegierig zu, wie die Männer Wiederkehr die Kamera auspackten, die Bedienungsanleitung studierten und das Überwachungsgerät im Estrich montierten. In der kommenden Nacht liess sich Jane nicht zweimal bitten. Sie schoss einen Reisbesen quer durch den Estrich und es machte „Klick“. Dann schlüpfte sie unter eines der Leintücher, mit denen die Skiausrüstung abgedeckt war, tänzelte durch den Estrich und posierte mehrmals dramatisch vor der Kamera. „Klick“. Das Geräusch, wenn Fotos gemacht wurden, mochte sie sehr. Die ganze Familie Wiederkehr schlief bzw. wachte im Elternschlafzimmer. Es war noch nie so laut gewesen im Estrich. Da sie den Erfolg der Kamera nicht gefährden wollten, blieben sie die ganze Nacht im Zimmer.

Am Morgen holten sie die Kamera. Der Estrich war aufgeräumt, nichts deutete auf die Party hin, die den Geräuschen nach zu urteilen, stattgefunden haben musste. Papa Wiederkehr steckte das Verbindungskabel zwischen Kamera und Computer mit zitternden Händen ein. Und dann hielten sie den Atem an. Was würde sich zeigen? Obwohl die Kamera günstig gewesen war, waren die Bilder hervorragend. Der Besen war im Flug fotografiert worden. Wo war die Hexe? Die Posen des Gespensts standen denjenigen eines Top-Models in nichts nach. Jane, die ihren Kopf zwischen der Familie Richtung Bildschirm zwängte, fand die Bilder grossartig. Sie gestand sich ein, dass sie die Familie fast ein bisschen mochte, sie hatten so tolle Ideen.

Erasmus wusste, dass er etwas sagen, dass er etwas tun musste, aber er sass wie gelähmt vor dem Monitor. Ebenso seine Frau und die beiden Söhne.

Tim und Tom fassten sich als erste wieder. Nach intensiver Diskussion kam die Familie zum Schluss, dass kein Weg daran vorbeiführte, die nächste Nacht im Estrich zu verbringen. Natürlich war es dann die ganze Nacht ruhig. Auch in der folgenden Nacht. Nur wenn sie in ihren Betten lagen, ging Jane auf und ab. Auf und ab.

Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.


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