Trudi

Die Pupille schwarz wie die Nacht. Kreisrund. So gross wie ein Stecknadelkopf und der Blick konzentriert, fokussiert, unbeweglich. Wenn ich in das Schwarz hineinschaue, sehe ich nichts – und du nimmst damit Bilder rascher auf als meine Augen.

Deine Pupillen sind in verführerisches Caramel eingebettet. Das entzückende Hellbraun füllt die ganze Augenöffnung aus. Keine weisse Augenhaut ist sichtbar, wie bei mir. Vor dem Übergang zum Lidrand nur ein schmaler Streifen, schlammgrün mit ein wenig gelb aufgehellt.

Um die Augen herum hast du viele Falten. Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen uns ist unverkennbar.

Ich möchte mit meinem Blick eintauchen können in deine Pupille. In deine Seele blicken. Was denkst du? Was fühlst du? Du lässt das nicht zu. Deine Augen zwar starr, aber dein Kopf fast ständig in Bewegung. Deine Dankbarkeit, dass deine Quäler hinter Gittern sitzen und du damit vor ihnen geschützt bist, lässt du deine Retter täglich spüren. Mehr nicht. Vergangenheit. Du lebst jetzt, hier, glücklich, ein bisschen verwöhnt.

Du bist verliebt, das sehen alle. Du machst kein Geheimnis daraus. Die Beobachterin könnte dein Verhalten als Stalking bezeichnen. Aber eure Beziehung ist geregelt und meistens hältst du dich an die Abmachungen. Getrennte Schlafzimmer, getrennte Teller auf unterschiedlichen Höhen. Du hast gemerkt, dass es auch Spass machen kann, die Welt alleine zu erkunden. Deinen Bewegungsradius hast du kontinuierlich erweitert, doch deine Liebe lässt dich beim Einnachten immer wieder zurückgehen. Du schätzt die Fürsorge, mit der deine Schlafzimmertüre abends geschlossen wird, das sanfte „Schlaf gut, Trudi“. Der gemeinsame Tagesbeginn am anderen Morgen. Das feine Frühstück, das dir jeden Tag liebevoll serviert wird, nachdem du dich deinerseits mit einem frisch gelegten Ei erkenntlich gezeigt hast.

Dein Leben hing an einem seidenen Faden. Damals, als der Bauer entschied, dich zu schlachten. Geplant war es auf den nächsten Morgen. Er kam dann zu dir, der Bauer, du schautest ihn an, er versuchte, deinem Blick auszuweichen, es gelang nicht. Dein Blick traf ihn – mitten ins Herz. Sein Atem ging einen Moment schwer. Er war Landwirt. Vor ihm stand ein Nutztier, auf das seine Gspändli ohne ersichtlichen Grund einhackten. Und das Tier hatte einen Geburtsschaden. Noch nie hatte er es auf dem Stängeli hocken sehen. Mit dem Skelett stimmte etwas nicht. Alles sprach für einen frühen, unnatürlichen Tod. Doch etwas hielt ihn zurück. Beschreiben, konnte er es nicht.

Der Bauer klemmte dich fest und liebevoll unter seinen Arm und setzte dich ausserhalb des Geheges auf den Boden. Er berief eine Familienkonferenz ein und nach kurzer Diskussion wurdest du von seinen Eltern übernommen. Du verbringst die Nächte seither in einem Einzelzimmer, direkt neben demjenigen von Hoppel. Wenn du dich mit deinen Artgenossen*innen ausgackern willst, besuchst du deine eingesperrten Widersacherinnen. Das Gehege schützt dich vor Angriffen und du bist trotzdem auf dem Laufenden über die Geschehnisse in der Hühnerwelt.

Dein Revier liegt direkt an einer Hauptstrasse. Liebe Autofahrer*innen denkt beim Fahren auch an die Hühner, so dass ihr hier nie eine Geschichte über das tragische Ende von Trudi lesen müsst.


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