Jane war glücklich. Sie hatte das Haus wieder für sich alleine. Trotzdem hatte sie viel zu tun. Es gab immer etwas zu putzen oder etwas auszubessern. Und wichtig war, präsent zu sein, so dass keine unerwünschten Gäste eindrangen.
Vögel mochte sie, daher montierte sie für sie Nistkästen. Spinnen durften die Fassade nutzen und sich insbesondere in den Ritzen des Steinfundaments einrichten. Mäuse und Marder gab es keine im Haus. Diese Tiere wussten mit Mäuse- und Marderfallen umzugehen, aber gegen Jane kamen sie nicht an. Jane fasste sowohl Mäuse als auch Marder an den Schwänzen, schwang sie dreimal rundherum und liess dann los. Die Tiere überlebten die Prozedur, vergassen sie nie wieder und verzichteten auf weitere Besuche.
Alle paar Wochen kam ein Mann, der immer Anzug, Krawatte und glänzende Schuhe trug, mit ein oder zwei Personen vorbei und sie besichtigten das Haus. Der Anzug-Mann schwafelte immer viel und Jane war jedes Mal alarmiert. Er würde es doch nicht wagen….?
Ein halbes Jahr nach dem Auszug von Familie Wohlgemuth montierte der Anzug-Mann neue Schilder an Klingel und Briefkasten: Familie Wiederkehr.
Jane tobte! Die würden sicher nie mehr wieder kehren! Vielleicht konnte sie nicht verhindern, dass sie einkehrten, aber wiederkehren würden sie nicht. Am Samstag fuhren ein Zügelwagen sowie der gewohnte Konvoi von Helfern vor. Jane schnaubte!
Der Zügelwagen fuhr um 17 Uhr wieder weg. Um 20 Uhr hörte Jane Herrn Wiederkehr sagen, dass nun soweit alles eingerichtet sei, dass sie schlafen und morgen frühstücken konnten. Er lud die Helfer zum Nachtessen ins nahegelegene Restaurant Engel ein. Die Besitzer des Engels freuten sich über die Gäste, schauten sie aber gleichzeitig mitleidig an. Jane sass oft am Stammtisch und so kannte sie die Meinung der Dorfbewohner: Nur Auswärtige konnten so blauäugig sein und das Haus mieten. Die Einheimischen akzeptierten, dass das Haus unbewohnbar war. Da es zu den am besten gepflegten im Dorf gehörte, störte sich niemand daran, dass es die meiste Zeit leer stand.
Während Familie Wiederkehr und die Helfer ein feines Abendessen genossen, heizte Jane den Ofen ein. Es war Ende Juli und seit zwei Wochen fielen die Temperaturen auch nachts nicht unter 22 Grad. Während des Tages war es meistens 35 Grad heiss. Der wunderschöne, grüne Kachelofen würde dafür sorgen, dass die Temperatur neu auch nachts im Haus nicht unter 35 Grad fiel. Damit es in den Schlafzimmern ja nicht zu kalt war, öffnete Jane die Schieber in den beiden Stubendecken.
Dann setzte sie sich auf das Kachelofenbänkli, machte es sich gemütlich und hörte, wie Familie Wiederkehr ihre Helfer vor dem Haus verabschiedete. Dann kamen sie ins Haus. Herr und Frau Wiederkehr und die 13-jährigen Zwillinge Tim und Tom. Die Zwillinge konnten – ausser von den Eltern und den Grosseltern – von niemandem unterschieden werden. Doch Jane sah den Unterschied auf Anhieb: Tim hatte einen Stecknadelkopf grossen Leberfleck am linken Ohrläppli. Der war nicht mal ihren Eltern aufgefallen.
Die ganze Familie Wiederkehr schimpfte lautstark: „Wer nur kann so blöd sein, im Sommer den Kachelofen einzuheizen?“ Jane grinste. Wer nur kann so blöd sein und meinen, sie würde ihnen das Haus überlassen? Herr Wiederkehr erklärte seinen aufgeweckten Söhnen, bei den herrschenden Temperaturen würde es mindestens zwei Tage dauern, bis der Kachelofen wieder kalt sein würde. Aus unerfindlichen Gründen konnten sie weder den Aschekübel finden noch war es ihnen möglich, die Ofentüre zu öffnen, durch die wenigstens die Glut hätte entfernt werden können.
Familie Wiederkehr schlief auf Liegestühlen im Garten. Jane schob hin und wieder ein Scheit in den Kachelofen. Sie konnte die Ofentüre leicht und geräuschlos öffnen und schliessen.
Das Frühstück nahm Familie Wiederkehr im Garten unter dem Lindenbaum ein. Da sie für Jane keinen Stuhl bereitstellten, blieb ihr nichts Anderes übrig, als sich auf einen Ast zu setzen, der sich direkt über dem Frühstückstisch befand. Sie hörte den Gesprächen aufmerksam zu und liess mal da ein Ästchen ins weiche Ei fallen, dann dort einen toten Käfer auf das Confibrot. Die Vögel, denen Jane gratis die schönsten Nistkästen zur Verfügung stellte, waren immer bereit, auf Wunsch von Jane ihren Darminhalt auf einen der Köpfe fallen zu lassen.
Eigentlich wollte Jane das Feuer im Kachelofen ausgehen lassen, aber da die Familie beschloss, vor der Ofentüre des Kachelofens zu wachen und sich im Stundenrhythmus abzuwechseln, entschloss sie sich, es sich auch dort gemütlich zu machen. Jedes Mal, wenn die Wache in einen süssen Schlummer verfiel, „nur rasch“ auf die Toilette musste oder sich ein Glas Eistee holte, legte Jane ein Scheit nach. Schon am Mittag war der Kachelofen heisser als am Vorabend.
Die Familie stöhnte, Jane lächelte. Sie mochte die Familie nicht, weil sie noch nie Bewohner gemocht hatte, aber sie merkte auch, dass sie die Abwechslung liebte. Und lange würden die Mieter ja sowieso nicht bleiben.
Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.
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