Jane 2 – Fortsetzung

Mama Wohlgemuth war am Kochen. Jane sass – wie immer – am Küchentisch und schaute zu. Kartoffelstock und Hacktätschli. Jane rümpfte die Nase. Hacktätschli aus Getreide und Gemüse. Wohlgemuths fuhren ein riesiges Auto und trugen schöne Kleider, aber für Fleisch reichte das Geld offenbar nicht. Mama Wohlgemuth seufzte, bevor sie den Dosenöffner aufsetzte und mit Drehen begann. Kaum war die Dose ein bisschen offen, seufzte sie noch tiefer und schloss einen Moment die Augen. Ravioli. Sie leerte sie in ein Kunststoffgefäss und stellte es in den Kühlschrank. Zum Mittagessen gab es dann kein zusätzliches Gemüse, nur Salat, Kartoffelstock und diese eigenartigen Hacktätschli. Jane bedauerte, dass Mama Wohlgemuth jeweils nach einer Büchse schon aufgab.

Bernhard schlief nun immer im Ehebett. Der Familienrat hatte sich darauf geeinigt und die Ausnahmebewilligung lief bis zum Auszug aus diesem Haus. Mama Wohlgemuth schlief auch im Ehebett sowie eines der Kinder. Die anderen beiden Kinder schliefen zusammen mit Papa im grösseren Kinderzimmer. Es war zwar der ganzen Familie aufgefallen, dass es nachts nun immer ruhig war, aber man wollte nichts provozieren. Jane fand das gut.

Wenn Jane nachdenken musste, machte sie das neuerdings im Keller. Und um nicht ganz untätig zu sein, räumte sie nachts, wenn alle schliefen, die Schmutzwäsche zusammen, die auf dem Boden und unter den Betten lag. Mama Wohlgemuth war erstaunt über die plötzliche Ordentlichkeit der Familie, sagte aber nichts. Wenigstens hatte dieser Irrsinn etwas Gutes, wie sie einer Freundin am Telefon erzählte. Jane sass daneben.

Jane hatte mitbekommen, dass das Decken des Dachs noch einiges zu reden gab. Die Polizei war da. Die Nachbarn wurden befragt. Ohne Ergebnis. Es war immer noch offen, wer das Decken des Dachs bezahlen musste.

Zwei Wochen vor dem Zügeltag holten Wohlgemuths die Zügelkisten vom Estrich und begannen mit Packen. Die Wangen von Jane glühten vor Aufregung und Freude. Am nächsten Morgen hatte sie alles fein säuberlich verpackt, was Wohlgemuths nicht schon am Vortag in die Zügelkisten gelegt hatten. Jane machte es perfekt: Küchensachen in Schachteln, die mit Küche beschriftet waren, Badezimmer in Badezimmer-Schachteln. Alles, was zerbrechlich war, hatte sie mit Zeitungspapier umwickelt. Davon hatte es ein bisschen zu wenig, aber da die Tageszeitung um fünf Uhr morgens geliefert wurde, konnte sie doch noch alles einwickeln.

Papa Wohlgemuth stöhnte am Morgen: Oh ihr Geister! Danke für die Mithilfe, aber wir können erst in zwei Wochen zügeln, das neue Haus ist noch nicht frei. Er suchte nach fünf Tassen, Müeslischalen und dem Napf von Bernhard. Danach packte er die Kaffeemaschine aus, suchte nach den Kapseln, füllte das Wasser nach und trank dann einen dreifachen Espresso mit zwei Esslöffeln Zucker. Er war am Ende seiner Kräfte. Dass die Zeitung fehlte, fiel ihm nicht auf.

Als die weiteren Familienmitglieder eins ums andere verschlafen in die Küche tapsten, erzählte er ihnen, was er heute Morgen angetroffen hatte und bat sie inständig, wirklich nur das aller-aller-nötigste wieder auszupacken. Vielleicht könnten die bösen Geister dadurch besänftigt werden.

Jane verstand und verstand doch nicht. Mit Geist war wahrscheinlich sie gemeint, aber sie war kein Geist! Sie war Jane. Herrin über dieses Haus! Und sie war auch gar nicht bös. Sie liess das, was durch Wohlgemuths wieder ausgepackt worden war, ausgepackt.

Unruhig und voller Vorfreude ging sie die beiden Wochen immer wieder durchs Haus und drum herum. Endlich, der Zügeltag. Um 7 Uhr fuhr der Zügelwagen vor. Die Kinder und Bernhard wurden von Leuten abgeholt, die Jane hin und wieder im Haus gesehen hatte. Ein paar Männer kamen vorbei, offenbar um zu helfen. Sie schraubten die Möbel auseinander und trugen die Möbelteile und Schachteln aus dem Haus. Das Klavier sparten sie sich auf nach dem Znüni auf, hörte Jane die Männer sagen. Um 10 Uhr unterbrachen sie ihre Arbeit und gingen ins nahegelegene Restaurant um einen Kaffee zu trinken und ein Sandwich zu essen, wie Jane im Rahmen eines Kontrollgangs feststellte. Sie ging schnurstracks zurück in ihr Haus. Als die Zügeltruppe zurückkam, waren der Zügelwagen und der SUV fachmännisch beladen. Das Haus war komplett leer und blitz-blank gereinigt. Nichts deutete darauf hin, dass noch letzte Nacht eine fünfköpfige Familie hier geschlafen und am Morgen gefrühstückt hatte. Die Gesichter der Eltern Wohlgemuth wurden in einem Sekundenbruchteil schneeweiss und sie brachen zusammen.

Das bekam Jane aber nicht mehr mit. Sie tanzte durchs Haus, rannte vom Keller in den Estrich und zurück. Sie ging nach draussen und schlug das Rad, immer und immer wieder, bis sie das Haus dreimal umrundet hatte. Dann setzte sie sich auf den Kamin und winkte dem Konvoi fröhlich nach. Dies war ihr Haus! Seit 273 Jahren.

Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.

Erstmals veröffentlicht im Herbst 2019.


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