Jane 1

Jane hasste ihre neuen Mieter schon beim ersten Treffen. Auch sie würden höchstens ein Jahr durchhalten. Dies war ihr Haus! Seit 273 Jahren.

Florian Meimberg‏@tiny_tales 14. Dez. 2009

Meine Geschichte dazu:

Jane war ausser sich! Kaum hatten die bisherigen Mieter das Haus Hals über Kopf verlassen, zogen schon neue ein. Was glaubten die eigentlich?!? Die bisherigen Mieter hatten ihnen sicher erzählt, was ihnen widerfahren war und die neuen meinten wohl, es sei Humbug.

Aber sie würden sie kennenlernen. Schon nach sehr, sehr kurzer Zeit. Jane schaute die neuen Mieter mit verachtendem Blick an. Wohlgemuth, was das nur schon für ein Familienname war. Janes Blick war spöttisch, der Familie würde es in Kürze nicht mehr wohl sein. Zu fünft waren sie, also eigentlich zu sechst. Sie hatten einen Kläffer, den sie Bernhard nannten. Ein Chihuahua mit dem Namen Bernhard. Jane rechnete sich aus, dass diese Familie wohl einen neuen Rekord aufstellen würde, was die Kürze der Aufenthaltsdauer im Haus betraf. Mehr als vier Monate gab sie ihnen nicht. Dafür hatte sie, Jane, nach mehr als 200 Jahren nun genug Übung.

Der Zügelwagen war da und Möbel und Kisten wurde ausgeladen. Jane beobachtete und stand im Weg herum. Das machte sie immer so. Am Tag beobachten, nachts handeln.

Ihr – also Janes – Haus verfügte über einen grossen, kalten, muffig riechenden Keller. Jane liebte den Duft. In den Keller kam man entweder über eine sehr steile Holztreppe oder direkt von aussen. Auf der Nordseite des Hauses führte eine ausgetretene Steintreppe in den Keller hinunter.

Im Erdgeschoss befanden sich eine Küche, ein WC sowie die Stube und die gute Stube. Im Obergeschoss gab es drei Schlafzimmer. Früher waren es vier, aber eines wurde 1970 in ein Badezimmer umgebaut. Und dann gab es noch einen grossen Estrich. Jane liebte das Knarren, wenn sie nachts, wenn alle im Bett lagen, langsam auf und ab ging und darüber nachdachte, was sie unternehmen könnte, um die Mieter loszuwerden.

Am Abend des Zügeltages fuhren alle weg; der Umzugswagen, aber auch die ganze Familie in ihrem SUV.

Jane war zufrieden. Diese Nacht gehörte das Haus ihr. Die Möbel waren zusammengebaut und platziert. Jane schob die Wohnwand vor das Fenster und das Klavier zügelte sie von der guten Stube in den Keller. Die Betten drehte sie um, so dass die Roste auf den Matratzen lagen und die Bettfüsse in die Luft ragten. Es gab unzählige Schachteln, die in den verschiedenen Räumen standen. Jane sah, dass sie beschriftet waren: Küche, Schlafzimmer, gute Stube und so weiter. Jane verschob die Schachteln. Erdgeschoss in den Estrich, Obergeschoss in den Keller, Estrich ins Obergeschoss und Keller ins Erdgeschoss. Dann setzte sie sich zufrieden hin und wartete.

Der Wutanfall von Papa Wohlgemuth am anderen Morgen tat ihr gut. Mama Wohlgemuth brach, wie von Jane erwartet, in Tränen aus. Die drei Kinder fanden es lustig, aber auch sie würden noch lernen. Irgendwie schaffte es die Familie, dass abends um neun Uhr alle – zwar erschöpft – in den frisch bezogenen Betten lagen. Jane ging im Estrich langsam auf und ab, so dass bereits zehn Minuten später alle drei Kinder ins Bett der Eltern geflüchtet waren und Bernhard in der Küche so herzerweichend winselte, dass es sogar das Herz von Papa Wohlgemuth erreichte und er den Hund eigenhändig in der Küche holte und auch noch ins Ehebett verfrachtete.

Die erste Nacht schliefen sie kaum. Jane unterbrach ihre Wanderungen immer wieder. Sobald sie regelmässige Atemzüge vernahm, nahm sie ihre Wanderungen wieder auf und der gewünschte Effekt trat immer sofort ein.

Der nächste Tag war geprägt von gegenseitigen Gehässigkeiten. Jane genoss es.

In der zweiten Nacht schliefen alle Wohlgemuths gut, Jane hatte im Erdgeschoss zu tun und verhielt sich leise. Sie hatte das Klavier geöffnet und kümmerte sich um die Spannung der Saiten. Hier ein bisschen anziehen, dort ein wenig lösen und die eine oder andere Saite durchtrennte sie. Das Sonntagsständchen der drei Wohlgemuth-Kinder fiel dann ins Wasser.

Jane hatte sich vorgenommen, in der dritten Nacht ihre weiteren Aktionen zu planen. Dafür musste sie auf und ab gehen, sonst konnte sie nicht denken. Und am liebsten hielt sie sich im Estrich auf. Papa und Mama Wohlgemuth teilten schon wenige Minuten nach Beginn von Janes neuerlichem Denkprozess ihr Bett wieder mit den drei Kindern und Bernhard. Vier Lebewesen zitterten wie Espenlaub, zwei gaben sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, machten aber kein Auge zu.

Eine Woche liess Jane die Familie in Ruhe. Sie wollte sie zwar loshaben, aber ein bisschen Spass hin und wieder tat ihr gut und so war sie interessiert daran, dass sie noch ein wenig blieben. Als Papa Wohlgemuth eines Morgens in die Küche kam um im Herd Feuer zu entfachen, damit die Küche schön warm war, wenn der Rest der Familie zum Frühstück kam, herrschte in der Küche bereits eine angenehme Temperatur. Ja, Jane konnte auch freundlich sein, aber Papa Wohlgemuth bekam weiche Knie. Wer hatte Feuer gemacht? Um seine Familie nicht noch mehr zu verunsichern, behielt er seine Entdeckung für sich, hielt aber ab sofort alle Feuerzeuge und Streichhölzer bei sich unter Verschluss.

Jane gefielen die Blechdosen im Keller mit den bunten Bildern. Im feuchten Keller liessen sich die Etiketten leicht lösen. Sie sortierte die Etiketten danach alphabetisch und klebte sie wieder an die Dosen.

Computer hatte sie schon bei früheren Mietern kennengelernt und stellte sich gerne hinter die Nutzer, wenn diese vor dem PC sassen. So sah sie es sofort, als Papa und Mama Wohlgemuth anfingen, sich im Internet nach Häusern umzuschauen, die zu vermieten waren. Jane war zufrieden.

In der nächsten Nacht deckte sie das Dach ab. Ziegel um Ziegel. Um keinen Lärm zu verursachen, warf sie sie nicht einfach auf den Vorplatz hinunter sondern stapelte sie fein säuberlich im Estrich.

Am Morgen durfte sie beobachten, wie Mama Wohlgemuth den Mietvertrag für das Haus kündigte und Papa Wohlgemuth wortlos mitunterzeichnete, als er von der Arbeit nach Hause gekommen war. Von diesem Moment an liess Jane diese Mieter in Ruhe.

Und wenn die Geschichte damit nicht zu Ende ist, hat sie eine Fortsetzung, die in diesem Blog publiziert wird.

Erstmals veröffentlicht im Herbst 2019.


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