Im Coiffeursalon

Die elektrischen Haarschneider hocken erschöpft in ihren Ladestationen. Was für ein Tag! Sie waren praktisch im Dauereinsatz gewesen und hatten daher kaum Zeit gehabt, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Sie sind froh, dass es Abend ist. Sauber gereinigt, nehmen sie die neue Energie begierig in sich auf.

Das Rasiermesser hat für die Haarschneider nur ein höhnisches Lächeln übrig. Was sind das für Weichlinge. Wenn sie sich nicht immer wieder setzen können, wie Tennisspieler nach zwei Games, machen sie schlapp. Das Rasiermesser vergleicht sich gerne mit einem Marathonläufer. Es kann non-stop schaben. Erholungszeit braucht es überhaupt nicht. In dieser Hinsicht ist es sogar einem Langstreckenläufer überlegen. Das Rasiermesser liebt es, wenn es von der Coiffeuse bestimmt und sorgfältig dem Haaransatz am Hals entlang geführt wird. Kein einziges Härchen kann sich ihm entziehen. Was wäre eine perfekte Frisur ohne tadellosem Haaransatz?

Das Rasiermesser wendet sich den Scheren zu. Das sind taffe Frauen. Marathonerfahren, wie er. Und ebenso erfolgreich. In der Regel leisten sie die Hauptarbeit. Schnipp, schnapp. In hohem Tempo. Volle Konzentration ist gefragt und ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen. Schliesslich gilt es, auf der linken und rechten Seite des Kopfes gleich viel abzuschneiden und dabei aber auch noch zu berücksichtigen, dass nicht jedes Haar gleich schnell wächst. So richten sie sich eigentlich nach der Distanz der Haarspitze zur Kopfhaut. Die Scheren harmonieren perfekt mit den Händen der Coiffeuse. Sie richten sich parallel zum Zeige- und Mittelfinger der Coiffeuse aus, mit denen diese eine Haarsträhne fest im Griff hat. Schnipp, schnapp.

Ein bisschen einsam fühlt sich die Effilierschere. Sie wird von den Standardscheren gemieden. Die Scheren tun sich schwer damit, dass die Effilierschere – scheinbar gedankenlos – in die perfekt geschnittenen Haare fährt und mal da und dann mal dort die Scherenblätter schnipp, schnapp zusammenführt und damit wahllos einzelne Haare auf eine – wie der Laie meinen könnte – zufällige Länge kürzt. Doch die Effilierschere ist sich bewusst, was sie leistet. Sie ist eine Weiterentwicklung der Standardschere. Sie hat sich spezialisiert. Sie respektiert die Arbeit der Standardscheren und ist auf deren präzise Arbeit angewiesen. Die Effilierschere vollendet die Arbeit der Standardscheren. Eigentlich wären sie ein Team.

Die verschiedenen Kämme nehmen die Wichtigtuereien der Haarkürzwerkzeuge kopfschüttelnd zur Kenntnis. Was wären die Scheren und ihre Artgenossen, wenn die Haare nach dem Waschen nicht zuerst einmal gleichmässig gekämmt würden? Wie, bitte, könnten die Haare auf einheitliche Längen akkurat gekürzt werden, würden sie nicht laufend gekämmt? Mal in diese Richtung, dann in die andere. Was braucht der Akkuhaarschneider, damit er die Haare um die Ohren herum hochpräzise kürzen kann? Einen Kamm! Einen Kamm, mit denen die Haare angehoben werden, so dass er flink darüber sausen kann.

Die Kämme hatten auch einen strengen Tag gehabt. Sie legen sich hin und entspannen ihre vielen Zinken. Beim Einschlafen erinnern sie sich daran, dass sie gemäss Wikipedia das älteste in Benutzung stehende Werkzeug zur Körperpflege sind. Kämme gibt es schon seit mehr als zehntausend Jahren. Wäre es nicht gelungen, Elektrizität zu produzieren…, sie gäbe es trotzdem.

Die Haarclips liegen in der obersten Schublade. Manchmal leiden sie darunter, dass man ihnen kaum Beachtung schenkt. Dann rufen sie sich gegenseitig in Erinnerung, wie wichtig es ist, dass die Coiffeuse die Haare sauber trennen kann. Und auch die Haare sind dankbar um die Hilfe durch die Clips. Sie würden jeweils gerne zur Seite rutschen oder sich schwungvoll auf die andere Kopfseite legen, aber ihnen fehlt naturgemäss die Kraft dafür. Die Haare lieben es, von den Clips bestimmt und doch liebevoll gehalten zu werden.

Aus den unteren Schubladen ist das übliche Gekicher der Lockenwickler zu hören. Ruhig sind sie eigentlich nur, wenn Haare auf sie gewickelt werden. Dann sind sie einen Moment voll konzentriert und setzen alles daran, sich dem Winkel der Haarsträhne exakt anzupassen. Kaum am Kopf angekommen, verfallen sie aber sofort wieder in ihr Geplauder und Gekicher. Strenge Arbeit kennen sie nicht. Sie haben Pause, wenn sie auf ihren nächsten Einsatz warten und wenn sie am Kopf liegen, kann man das ja auch schlecht arbeiten nennen. Sie machen eigentlich nichts, sondern lassen sich nur hie und da von Haaren umgarnen.

Der Föhn fühlt sich mehr mit den Kunden verbunden als mit den anderen Coiffeurwerkzeugen. Er präzisiert, mit den Kundinnen, ab ungefähr 45 Jahren, also mit jenen, die wie er, zwischen Hitze und Kälte wechseln. Ohne fixen Rhythmus. Da er den Gesprächen zwischen Kundinnen und Coiffeusen aufmerksam lauscht, ist er sich bewusst, dass er einen grossen Vorteil hat: In der Regel beschränken sich seine Hitzewallungen auf dienstags bis samstags von acht bis achtzehnuhrdreissig.

Hin und wieder fühlt sich der Föhn den anderen Teammitgliedern überlegen, was den Feierabendgesprächen nicht gerade förderlich ist. Kaum eine Kundin verlässt den Salon, ohne dass sie von ihm zumindest angehaucht worden wäre. Meistens dauert das Föhnen zehn Minuten oder länger und kann sehr intensiv sein. Der Föhn liebt lange Haare, dreissig Minuten…. Die Coiffeuse packt die Haare mit der Rundbürste, zieht daran, rollt die Haare ein und der Föhn bläst mit voller Kraft. Unter seiner mächtigen Leistung erhitzen die Haare, trocknen, werden weich und schmiegen sich zuerst an die Haarbürste und dann an die Kopfhaut. In einem eleganten Bogen zeigen die Haarenden schliesslich einheitlich und glänzend in eine Richtung oder in verschiedene, je nachdem, wie die Coiffeuse die Bürste und den Föhn ausgerichtet hatte. Es kommt zu einem perfekten Zusammenspiel vom Kopf der Kundin, ihren Haaren, der Coiffeuse, der Haarbürste und ihm, dem feurigsten des Quintetts. Er ist froh, hatte er sich damals entschieden, Föhn zu werden und nicht eine Haartrocknerhaube. Es braucht auch die Hauben, aber das ist eher etwas für Typen, die es gemächlich und konstant mögen. Ihm entspricht das dynamische viel mehr. Er liebt schon das Vorspiel, wenn er beobachtet, wie die Haare gewaschen und geschnitten werden. Und dann nähert sich die Hand der Coiffeuse ihm….

Als Kunde oder vielleicht sogar als Coiffeuse meint man wohl, im Salon kehre Ruhe ein, sobald die letzte Kundin gegangen, der Salon sauber gereinigt und die Kasse abgenommen ist. Es freut mich, dass ich diesen Irrglauben korrigieren durfte. Ruhig ist es erst etwa zwei bis drei Stunden später, wenn dann auch die Lockenwickler fertig gekichert haben….

Erstmals veröffentlicht im Herbst 2019. Vorgetragen 16.11.2019 Offene Bühne Bistro Zutisch Bischofszell


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Ein Kommentar zu “Im Coiffeursalon

  1. …offenbar erzählt da eine langjährige und langhaarige, fleissige und aufmerksame Kundin, die die Zeit unter der Haube nutzte, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und den Gerätschaften um sie herum Leben – oder menschliche Züge? ….. akkribisch beobachtet…und amüsant geschrieben…

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